LWF aktuell 154
EIP-Agri: EU fördert innovative Wege in der Waldbewirtschaftung
von Katrin Böhling, Helena Eisele
Wälder und Waldbewirtschaftung sind tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt. Klimawandelfolgen und wachsende gesellschaftliche Ansprüche erfordern eine angepasste Waldbewirtschaftung. Für die Umsetzung technologischer Entwicklungen und den Einstieg in neue Geschäftsfelder der Bioökonomie und Ökosystemleistungen ist Innovationsfähigkeit gefragt. Der vorliegende Artikel zeigt auf, welche Chancen die EU-geförderte Europäische Innovationspartnerschaft »EIP-Agri« bietet.
Die Forstpolitikwissenschaft befasst sich seit gut 20 Jahren ausführlicher mit Voraussetzungen und Möglichkeiten von Innovationen in der Forstwirtschaft (vgl. Weiss et al. 2020). National wurden die Themen Innovation und Forstwirtschaft zuletzt bei Tagungen namhafter Institutionen immer wieder aufgegriffen und verknüpft. Beispiele sind der »Tag des Waldes« des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im September 2024, die FNR-Tagung »Innovationen im Bereich Forst und Holz« im April 2024, das Cluster Forst-Holz in Bayern sowie der Forstliche Unternehmertag »Ressource Holz 2024: Wald-Wege in die Zukunft« im März 2024.
Für die Definition des Innovationsbegriffs wird häufig die Typologie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verwendet, die zwischen Produkt- und Dienstleistungsinnovationen, Verfahrens- und organisationalen Innovationen sowie Innovationen im Bereich der Vermarktung unterscheidet (OECD/Eurostat 2018). Die forstpolitikwissenschaftliche Innovationsforschung definiert Innovation als Prozess, der ebensolche neuen Produkte, Verfahren oder auch Technologien zum Gegenstand hat. Eine Innovation ist demnach ein Veränderungsprozess, bei dem etwas Neues in ein bestehendes System eingeführt wird – etwa mit dem Ziel, Wälder und ihre vielfältigen Funktionen zu erhalten oder zu verbessern (Hansen et al. 2019; Louda et al. 2023; Mann et al. 2022).
Aus der Praxis für die Praxis
Das aus EU-Mitteln finanzierte Projekt »FOREST4EU – Europäische Innovationspartnerschaften zur Förderung von Operationellen Gruppen im Forst- und Agroforstbereich« analysiert bereits laufende Innovationsprozesse in europäischen Ländern und verknüpft diese mit der EIP-Agri-Fördermaßnahme der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Das Besondere an dieser Maßnahme ist, dass Akteure aus Forschung und Praxis in einer sog. Operationellen Gruppe (OG) partnerschaftlich zusammenarbeiten, um innovative Lösungen für Fragestellungen aus der Praxis flächendeckend umzusetzen.
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Abb.1: Franz Prestel, Holzforum Allgäu, stellt seine OG beim LWF-Workshop über EIP-Agri am 31.01.2025 vor. (© K. Böhling)
Das FOREST4EU-Projekt verfolgt das Ziel, die EIP-Agri-Fördermaßnahme für innovative Praxisprojekte im Forstbereich bekannter zu machen und hierfür den Wissenstransfer und den Austausch über bestehende Innovationen auf Plattformen und bei Veranstaltungen zu unterstützen. Zudem hat das Projekt einen Forschungsauftrag: Mit sozialempirischen Methoden werden die förderlichen und hinderlichen Faktoren für Innovationen in der Forstwirtschaft und in Forst-OGs untersucht und gewonnene Erkenntnisse in den Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern aus Innovationspraxis, Verwaltung und Politik eingebracht.
Untersuchung zu Innovationen in der europäischen Forstwirtschaft
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Abb.2: Merkmale einer innovativen Forstwirtschaft (n=55) (© LWF)
Die Satzvervollständigungen wurden für den gesamten Datensatz nach der Methode der Qualitativen Inhaltsanalyse in der Sozialempirik ausgewertet. Das heißt, die große Bandbreite der vervollständigten Sätze wurde inhaltlich strukturiert und hierfür bestimmten Kategorien zugeordnet. Für diese Kategorisierung wurden im Projektkonsortium unterschiedliche Möglichkeiten diskutiert und abschließend 17 Kategorien definiert, die für die Auswertung der Satzvervollständigungen angewendet wurden. Drei Projektpartner haben die insgesamt 632 für die Satzvervollständigung angesprochenen Aspekte den Kategorien zugeordnet. Die Konsistenz der Kategorisierung wurde durch gegenseitige Überprüfung und Anpassung sichergestellt. Dabei wurden folgende Kategorien für Innovationen bestimmt:
- Wissenstransfer
- Entwicklung von Technologien, Produkten und Dienstleistungen
- Verbesserte Kooperation unterschiedlicher Akteure
- Ausbau von Managementfähigkeiten
- Anpassung von Institutionen
- Anpassung an Markterfordernisse
- Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen
- Beitrag zu politischen Zielen
Die so ermittelten Kategorien ergänzen die in der Forschungsliteratur identifizierten Einflussfaktoren für Innovationen in der Forstwirtschaft um neue Aspekte, insbesondere im Bereich des Managements und der Institutionen für die Waldbewirtschaftung.
Die Befragten aus der Makro-Region A für Mitteleuropa haben bei der Frage, wann die Forstwirtschaft innovativ ist, insgesamt 103 Aspekte angesprochen. Beispielsweise gaben die Befragten aus Deutschland und Österreich an, dass die Forstwirtschaft innovativ ist, wenn »sie bereit ist sich weiterzuentwickeln«, »sich von ihren starren althergebrachten Strukturen flächig loslösen würde« und »Praktiker-Waldbesitzer direkt einbindet«. Wenn außerdem »Veränderungen und Digitalisierung zugelassen werden«, »neue Ideen aufgenommen und Offenheit gegenüber Nicht-Forstleuten zum Standard würde«, und »die Prozesskette, also von der Fällung des Baumes bis zum Zahlungseingang des Holzgeldes auf dem Konto des Waldbesitzers, maximal schnell und effizient ist.«
Die inhaltsanalytische Auswertung der Aussagen verdeutlicht die Merkmalsausprägungen einer innovativen Forstwirtschaft (Abbildung 2). So gilt die Forstwirtschaft als innovativ, wenn sich forstliche Institutionen an veränderte Rahmenbedingungen anpassen, wenn Managementpraktiken verbessert werden, wenn ein Wissenstransfer von der Forschung zur Praxis erfolgt, wenn Kooperationen ausgebaut und wenn gesellschaftliche Anforderungen aufgegriffen werden. Mit Institutionen sind Forstbetriebe, Forstverwaltungen und »traditionelle Strukturen und Standards« gemeint.
Der Vergleich zu anderen Makro-Regionen in Europa zeigt, dass sich die Verständnisse über die Merkmale einer innovativen Forstwirtschaft unterscheiden. In südosteuropäischen Ländern (n=61) gilt Forstwirtschaft als innovativ, wenn die Waldbewirtschaftung und das Management verbessert und neue Technologien integriert werden. In südwesteuropäischen Ländern (n =143) ist die Situation ähnlich. Hingegen wird in Nordeuropa (n =31) betont, dass Forstwirtschaft innovativ ist, wenn neue Produkte hervorgebracht, nachhaltig bewirtschaftet und Naturschutz gefördert wird. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass forstliche Innovationsförderung regional angepasste Schwerpunkte setzen sollte, um effektiv zu sein.
Wissenstransfer und Dialog für neue Wege in der Waldbewirtschaftung
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Abb. 3: Helene Faltermeier-Huber (FüAK) erklärt erste Schritte für die Planung eines Innovationsvorhabens beim LWF Workshop Ende Mai. (© K. Böhling)
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Abb. 4: Programm für den LWF-Workshop am 31. Januar 2025 (Illustration (Leinwand) (©
Vector-Up, PantherMedia)
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Abb. 5: Das Online Software Tool »WOODL« verknüpft Holzeinschlag, Logistik und Lieferung an Kunden auf einer
Plattform (© Andris Spulis)
EIP-Agri Innovationen für Bayern - Eine Auswahl

Tool »WOODL« aus Litauen
Das Online Software Tool »WOODL« verknüpft Holzeinschlag, Logistik und Lieferung an Kunden auf einer Plattform. Erntemaschinenführer, Disponenten und Fahrer können sich über die Plattform koordinieren und relevante Dokumente wie z. B. Frachtbriefe erstellen lassen. FOREST4EU hat die technischen Voraussetzungen, Funktionsweise und Module der Software in einem Manual dargestellt, das u. a. in deutscher Sprache vorliegt.
BioClimSol aus Frankreich
Der aktive Waldumbau ist ein länderübergreifendes Thema in der Forstwirtschaft und wird z. B. auch in Frankreich mit großer Dringlichkeit bearbeitet. Dort ist die Entscheidungshilfe »BioClimSol« entstanden, die in Bayern hoch priorisiert wurde. BioClimSol zeigt das Anbaurisiko für 13 Baumarten anhand von standörtlichen Faktoren und Klimaszenarien und macht Vorschläge für alternative Baumarten. Im Übersichtsartikel wird das methodische Vorgehen für BioClimSol skizziert und der Aufbau der Anwendung und deren Verwendung dargestellt.
Waldtypologie aus Italien
Für den Nachweis nachhaltiger Waldbewirtschaftung nehmen die Berichtspflichten stetig zu. Grundlage hierfür sind i. d. R. Inventurdaten. Jedoch werden auf europäischen und nationalen Ebenen unterschiedliche Kategorisierungen für Waldtypen verwendet. Eine italienische OG hat deshalb ein benutzerfreundliches Verfahren entwickelt, das den Umgang mit den Übergängen zwischen europäischen, nationalen und regionalen Waldkategorisierungssystemen vereinfacht.

Di-Gozd App aus Slowenien
Mit 58 % der Landesfl äche zählt Slowenien zu den am stärksten bewaldeten Ländern Europas und hat einen Privatwaldanteil von 75 % mit überwiegend Kleinprivatwald (Durchschnittsgröße: 2,8 ha). Eine slowenische OG hat unter Einbeziehung von sechs Waldbesitzenden eine Waldinventur-App entwickelt, mit der die aktive Waldbewirtschaftung verbessert werden soll. Die App nutzt die vorhandenen Inventurdaten und verschafft Waldbesitzenden einen Überblick über ihre Bestände und eine Einschätzung zum Verkaufswert der Holzernte. Mithilfe einer in der mobilen Anwendung integrierten Kamera wird die Winkelzählmethode angewendet. FOREST4EU hat einen kurzen Artikel über die »Di-Gozd« App veröffentlicht, der demnächst auch auf Deutsch vorliegt.
Zusammenfassung
Wälder und Waldbewirtschaftung sind tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt. Für den Umgang mit Klimawandelfolgen, wachsenden gesellschaftlichen Ansprüchen, technologischen Entwicklungen und neuen Geschäftsfeldern für die Bioökonomie und Ökosystemleistungen sind Innovationen und Innovationsfähigkeit gefragt. Das aus EU-Mitteln finanzierte FOREST4EUProjekt hat neue Erkenntnisse geliefert, wann die Forstwirtschaft als innovativ gilt. Demnach sind Wissenstransfer und neue Technologien zwar wichtig, entscheidend für die Innovationsfähigkeit der Branche scheint jedoch die Fähigkeit von forstlichen Institutionen zu sein, sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Der im Projekt durchgeführte Dialog mit Entscheidungsträgern aus Verwaltung, Betrieben und Verbänden weist deshalb in die richtige Richtung.
Projekt
Im Projekt FOREST4EU »Europäisches Partnernetzwerk zur Förderung von Operationellen Gruppen in der Forstwirtschaft und für Agroforstsysteme« arbeiten 16 Partner aus neun Mitgliedstaaten zusammen, um die Innovationstätigkeit im Forstsektor zu erhöhen. Das Projekt wird von der Universität Florenz koordiniert und hat eine Laufzeit von drei Jahren (01.01.2023-31.12.2025). Die LWF ist in FOREST4EU für das Arbeitspaket »Politiklernen aus Innovationspraxis« verantwortlich und leitet die sozialempirischen Untersuchungen.
Beitrag zum Ausdrucken
Weiterführende Informationen
- Geiß und Kitz – zwischen Nähe und Distanz - LWF aktuell 154
- FOREST4EU – European innovation partnership network promoting operational groups dedicated to forestry and agroforestry (C 63)
- Kronenschäden im Wald – mit KI und Fernerkundung zur großflächigen Erkennung
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Autorinnen
- Dr. Kathrin Böhling
- Helena Eisele

