Forschungs- und Innovationsprojekt
Risikoabschätzung für Wildtiere durch den invasiven Parasiten Großer Amerikanischer Leberegel

Rothirsch mit stattlichem Geweih (© Rudolf Vornehm)Zoombild vorhanden

Rothirsch
(© Rudolf Vornehm)

Der Große Amerikanische Leberegel – ein Parasit des nordamerikanischen Wapiti, Weißwedelhirsch und Karibu – wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Import amerikanischer Hirsche nach Europa eingeschleppt. In Regionen Italiens, Kroatiens und Österreichs sowie in einigen osteuropäischen Ländern etablierten sich schnell stabile Vorkommen des Parasiten, der hier in Europa vor allem Rot- und Damwild als Endwirte nutzt.

In den letzten Jahren mehren sich auch in Bayern Nachweise des Großen Amerikanischen Leberegels bei Gatterwild sowie bei freilebendem Rot-, Reh- und Schwarzwild. Erste wissenschaftliche Untersuchungen konnten in einigen Teilen Nordbayerns Rotwildbestände mit Infektionsraten von über 80 % nachweisen. Auf Bayerischer Seite des Böhmerwald-Ökosystems wurde der Parasit erstmals im Herbst 2019 bei einem erlegten Stück Rotwild nachgewiesen.

Projektinformationen
Projektleitung: Dr. Wibke Peters
Projektbearbeiter: Dr. Frederik Franke
Kooperationspartner: Nationalpark Bayerischer Wald, Nationalpark Šumava, Fortbetrieb Neureichenau (Bayerische Staatsforsten AöR)
Laufzeit: Oktober 2020 bis Dezember 2022
Finanzierung: Ziel ETZ Freistaat Bayern-Tschechische Republik 2014-2020 (INTERREG V)

Auswirkungen auf den Wirtsorganismus

Als wenig spezifischer Parasit kann F. magna verschiedene Huftierarten parasitieren – nicht alle stellen für den Parasiten aber einen geeigneten Endwirt da und auch die Gefahr, die von dem Parasiten für die verschiedenen Wirtsarten ausgeht, ist sehr unterschiedlich. Geeignete Endwirte werden vom Parasiten in der Regel wenig bis gar nicht geschwächt – schließlich ist der Parasit von seinem Wirt abhängig und kann diesen nicht wechseln. Eine übermäßige Schwächung des Wirts wäre also auch für den Parasiten von Nachteil.
Endwirte:

Das Immunsystem von Rot- und Damwild erkennt adulte Parasiten in der Leber als Fremdkörper und schließt diese in eine Zyste ein. Je nach Intensität des Befalls verläuft eine solche Infektion dann meist ohne oder mit nur leichten Krankheitssymptomen. Enzystierte Parasiten produzieren Eier, die dann über Gallengänge und Darm mit der Losung seines Wirts freigesetzt werden.

Fehlwirte:

In sogenannten Fehlwirten ist eine Fortpflanzung des Parasiten nicht möglich. Beim Großen Amerikanischen Leberegel werden dabei zwei Formen unterschieden: Nebenwirte und Irrwirte. In Nebenwirten kommt es zwar zur Enzystierung des adulten Parasiten, jedoch sind die Zysten in der Regel nicht über Gallengänge mit dem Darm verbunden. Dadurch können keine Parasiteneier in den Wirtsdarm gelangen und der Entwicklungszyklus bleibt unvollständig. Zu den Nebenwirten das Großen Amerikanischen Leberegels zählen neben Hausrind, Hauspferd und Hausschwein auch das Wildschwein. Infektionen verlaufen bei Nebenwirten häufig asymptomatisch. Demgegenüber stehen die Irrwirte. Bei ihnen findet keine Enzystierung statt. Die adulten Egel wandern stattdessen durch das Lebergewebe sowie durch Organe der Bauch- und Brusthöhle und verursachen dabei erhebliche Gewebeschäden. Unbehandelt führt eine Infektion bei Irrwirten oft innerhalb weniger Monate zum Tod. Zur Gruppe der Irrwirte gehören Hausziege, Hausschaf, Reh und Gams.

Ziele des Projekts

Das Forschungsprojekt „Risikoabschätzung für Wildtiere durch den Großen Amerikanischen Leberegel“ der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft und der Nationalparke Bayerischer Wald und Šumava untersucht die Verbreitung von F. magna im Böhmerwald-Ökosystem an der Grenze zu Tschechien. Durch das Verknüpfen von Forschungsdaten zum Parasiten, seinen Wirtsorganismen und dem Lebensraum wird eine Datengrundlagen erarbeitet, die für ein gezieltes Infektionsmanagement benötigt wird.

Methoden

Eine flächendeckende Beprobung von erlegtem Wild im gesamten Projektgebiet soll Aufschluss über die Infektionshäufigkeit und -intensität sowie die räumliche Verteilung des Parasiten bei Rot-, Reh- und Schwarzwild liefern. Ebenfalls werden Ei-Nachweise im Kot von erlegten Wildtieren, sowie in Kotproben, die in den Rotwild-Wintergattern gesammelt werden, wichtige Informationen zu Häufigkeit und Verteilung des Parasiten liefern.

Das Raumnutzungsverhalten von Rotwild als wichtigster Endwirt, wurde bereits im Rahmen eines vorangegangenen Forschungsvorhabens im Projektgebiet untersucht. Weitere Raumnutzungsdaten, die im Rahmen des aktuellen Forschungsprojekts von Rot-, Reh- und Schwarzwild mit Hilfe von GPS-Telemetrie und einem Kamerafallenmonitoring erhoben werden, ergänzen den bereits bestehenden Datensatz und ermöglichen die Erstellung präziser Verbreitungskarten der Endwirte.

Ebenso wird das Vorkommen bestimmter Schlammschneckenarten – die vom Parasiten als Zwischenwirte genutzt werden – kartiert. Die Daten zu Verbreitung von End- und Zwischenwirten sollen dann mit Daten zum Lebensraum verschnitten und so Gebiete mit erhöhtem Infektionsrisiko festgestellt werden.

Projektpartner und -gebiet

Partner vor Ort sind der Forstbetrieb Neureichenau (Bayerische Staatsforsten AöR) sowie die beiden Nationalparks Šumava und Bayerischer Wald. Die Rolle des Leadpartners hat die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) inne. Das Projektgebiet umfasst Teilflächen aller Projektpartner.

Projektgebiet Leberegel-Projekt LWF mit Bereichen in den Nationalparken Bayerischer Wald und Sumava, sowie des Forstbetriebs Neureichenau der Bayerischen Staatsforsten

Der Lebenszyklus des Großen Amerikanischen Leberegels (Fascioloides magna)
Die Eier des Großen Amerikanischen Leberegels (Fascioloides magna) werden mit dem Kot infizierter Wirtstiere freigesetzt. Sie sind äußerst robust und können die kalten Wintermonate überdauern. Bei geeigneten Temperaturn und in feuchter oder nasser Umgebung entwickelt sich dann das erste Larvenstadium – das sogenannte Mirazidium.
Das Mirazidium schlüpft aus dem Ei und sucht aktiv nach einem geeigneten Zwischenwirt. In Europa werden Schlammschnecken der Arten Galba truncatula und Radix labiata parasitiert. In der Schnecke finden dann mehrere asexuelle Replikationsschritte statt. Die Parasitenlarven verlassen als Zerkarien die Schnecke und bilden an Ufernaher Vegetation langlebige Zysten. Wird eine solche Zyste über die Nahrung von einem Huftier aufgenommen, entwickeln sich im Darm des Wirts die sogenannte Metazerkarie. Diese immer noch mikroskopisch kleinen Parasitenlarve durchdringt die Darmwand ihres Wirts, suchen seine Leber auf und ernähren sich vom Lebergewebe. Während dieser Phase findet ein enormes Wachstum des Parasiten statt. Adulte Parasiten erreichen Handtellergröße und suchen aktiv im Lebergewebe nach Artgenossen. Zusammen mit einem Partner lassen sie sich vom Immunsystem ihres Endwirts in eine Zyste einkapseln und reproduzieren sich dort sexuell. Die Eier des Leberegels verlassen den Wirt über Gallengänge und Darm. Die adulten Parasiten können mehrere Jahre in der Zyste überdauern und Eier produzieren.