Forschungs- und Innovationsprojekt
Reduktion von Mähtod bei Rehkitzen - Wildbiologische Gefährdungskulisse und Effektivität von Detektions- und Vergrämungsmaßnahmen

Rehkitz abgelegt in der WieseZoombild vorhanden

Rehkitz im Liegebett. (© A. Luepke)

Die Mahd von Grünland und Feldfutterbaubeständen birgt Risiko für einige Wildtiere, wie z. B. Rehkitze. In diesem Projekt soll durch die Kombination von effektiven Detektions- und Vergrämungsmaßnahmen und fundiertem Wissen zur Lebensraumnutzung von Rehwild ein Beitrag zur wildtierschonenden Mahd geleistet werden.

Das Arbeitspaket der LWF beschäftigt sich mit Fragestellungen, um das Verhalten der Rehgeißen vor, während und nach dem Setzen besser zu verstehen. Dabei soll die Raumnutzung und Habitatselektion der Rehgeißen im saisonalen Verlauf untersucht werden.

Kurzbeschreibung

Wildtierrettungsstrategien

Jährlich werden Rehkitze und andere Wildtiere von landwirtschaftlichen Maschinen bei der Mahd von Grünland und Feldfutterbaubeständen erfasst und getötet. Durch den hohen Äsungsgehalt der Wiesen und Feldfutterbauflächen nutzen Rehgeißen zur Setzzeit bevorzugt diese Flächen, die zudem den Jungtieren auch ausreichend Schutz vor natürlichen Fressfeinden bieten. Zudem ist es eine natürliche Feindvermeidungsstrategie der jungen Kitze, sich bei Gefahr in den ersten Lebenswochen zu „ducken“ und nicht zu flüchten. Diese Strategie der nahezu geruchslosen und bestens getarnten Rehkitze ist bei natürlichen Feinden effektiv, führt jedoch zu keinerlei Fluchtreaktion bei herannahenden Mähwerken.

Es gibt bisher kein Patentrezept zur Wahl der geeignetsten Methode zur Mähtodvermeidung - weder bezüglich der Gefährdungsbeurteilung im Vorfeld noch zu den erfolgversprechendsten Wildtierrettungsmaßnahmen. Mit der aktuell verfügbaren Technik ist es unmöglich, die gesamten Grünland- und Feldfutterbauflächen nach Rehkitzen und weiteren Wildtieren abzusuchen.

Zwei Projektmitarbeiterin an einer Wiese mit Messgeräten

Projektmitarbeiterinnen bei der Dokumentation während der Kitzsuche. (© A. Luepke)

Somit ist ein wichtiger Baustein zur richtigen Auswahl und dem gezielten Einsatz von Maßnahmen zunächst die Abschätzung des Risikos, auf einer zu mähenden Fläche zu einem bestimmten Zeitpunkt unter den örtlichen Gegebenheiten Rehkitze anzutreffen (Gefährdungskulisse). Für die Entwicklung dieser Risikoabschätzung sollen im Forschungsprojekt wildbiologische Fragestellungen zum Setzverhalten der Geißen und der Lebensraumnutzung der Rehkitze sowie den relevanten Faktoren für den Setzzeitpunkt erforscht werden. Aus den dabei erhobenen Daten soll die Gefährdungslage der einzelnen Fläche abgeschätzt werden.

Weiterhin sollen bestehende und neue Methoden, Techniken und Verfahren zur Wildtierrettung getestet, optimiert und bewertet werden. So kann eine effiziente und flächendeckende, auf die jeweiligen Notwendigkeiten für die einzelnen Flächen und Nutzungszeitpunkte optimierte Wildtierrettung abgeleitet werden.

Das Verbundprojekt soll aus verschiedenen Blickwinkeln Wissenslücken schließen und Methoden testen, um den Betroffenen vor Ort Methoden und Handlungsempfehlungen geben zu können.

Zwei Projektmitarbeiterin an einer Wiese mit Messgeräten

Vegetationsaufnahmen am Fundort des Kitzes. (© A. Luepke)

Verbundprojekt Wildtierrettungsstrategien

Wildbiologie und Effektivität der Maßnahmen

Das Forschungsprojekt „Reduktion von Mähtod bei Wildtieren am Beispiel von Rehkitzen – Wildbiologische Gefährdungskulisse und Effektivität von Detektions- und Vergrämungsmaßnahmen: Teilprojekt 1 Wildbiologie" wird vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) unter dem Förderkennzeichen A/19/17 gefördert. Es schafft einen Überblick zu den Maßnahmen und versucht gleichzeitig Fragen der Wildbiologie zu klären. Daraus sollen neue Ansätze, wie beispielsweise eine Gefährdungskulisse, entwickelt werden. Ebenso erfolgt eine Bewertung der bekannten und neueren Verfahren zur Wildtierrettung bezüglich (Arbeits-) Aufwand, Kosten und Erfolgsrate.

Aufteilung der Arbeitspakete

Das Projekt ist in sechs Arbeitspakete, (i) "Grüne Welle", (ii) "Geißenverhalten", (iii) "Kitzverhalten", (iv) "Detektion und Vergrämung", (v) "Gefährdungskulisse" und (vi) "Toolbox Maßnahmen" untergliedert. Sie werden von den Projektpartnern gemeinschaftlich bearbeitet. Details zu den einzelnen Arbeitspaketen finden Sie auf den Projektseiten der beteiligten Institutionen.

Rehkitz auf Wiese mit Maßstab und Maßband.

Ein Rehkitz wird zur Altersbestimmung vermessen. (© A. Luepke)

Ziele LWF-Projektteilbereich Geißenverhalten

Ziel des Teilprojektes Geißenverhalten ist es, wissenschaftlich gesicherte Daten zur Habitatnutzung und dem Raum-Zeit-Verhalten während der Setz- und Aufzuchtzeit zu erfassen. Dies soll auf verschiedenen Ebenen stattfinden.

Es sollen durch räumliche Ortungsdaten die Streifgebiete der Geißen berechnet und Verschiebungen im saisonalen Verlauf abgebildet werden. Das ermöglicht eine Analyse der Habitatnutzung während der Setz- und Aufzuchtzeit. Zudem kann der Einfluss von verschiedenen Störungen (Mähtätigkeit, Vergrämungsmethoden) nachgewiesen werden. Es wird untersucht, ob und welche Vergrämungsmethoden zielführend sind und ob durch die Schaffung von geeigneten Habitatstrukturen eine Lenkung von Geiß und Kitz im Vorfeld möglich ist.

Zudem sollen fein skalierte Habitatparameter innerhalb des Streifgebiets der Geiß (Makrohabitat) und im unmittelbaren Umkreis des Setzplatzes (Mikrohabitat) erhoben werden. So kann abgeleitet werden, an welchen Plätzen Geißen ihre Kitze ablegen bzw. welche Habitatparameter diese Präferenzen bewirken.

Projektmitarbeiterin beim orten des Sendehalsbandes der Geiß, um das richtige Kitz zu orten.

Projektmitarbeiterin beim Orten (Telemetrie) einer besenderten Rehgeiß. (© A. Luepke)

Methoden und Untersuchungsgebiete

1) Bayernweite Datenerfassung durch Landwirte/Jäger/Interessierte

Die Datenerhebung der Kitzbetten soll bayernweit erfolgen. Dafür wurde für interessierte Landwirte, Jäger und Wildtierretter die Möglichkeit geschaffen, gefundene Kitze über die Bürgerplattform des Wildtierportales einzutragen. Falls Sie das Projekt durch die Meldung ihrer Kitzfunde unterstützen möchten, können Sie sich unter "kitzmeldung.oekoklim.wzw@tum.de" melden und registrieren lassen oder die Daten über den Aufnahmebogen (LINK) einsenden.

kitzmeldung.oekoklim.wzw@tum.de

2) Datenerhebung Setz- & Kitzbetten

Für die Analysen der Microhabitate werden in einigen Gebieten Bayerns zusätzliche feiner skalierte Habitatparameter der Setz- und Kitzbetten erhoben. Über die Vegetationsstruktur, Äsungsangebot, angrenzend Waldbestände, Störungen etc. lassen sich Kitzbetten und Streifgebiete hinsichtlich Schutz- und Nahrungsvorkommen näher charakterisieren.

3) Raum-zeitliche Datenerhebung

In zwei bis drei Schwerpunktgebieten in Bayern sollen zusätzlich im Rahmen einer Telemetriestudie raum-zeitliche Daten der Habitatnutzung von Rehgeißen gewonnen werden. Die Ermittlung dieser Daten ist wichtig um die Raumnutzung während der kritischen Phase zu verstehen und die Effektivität von Vergrämungs- oder Lenkungsmaßnahmen zu validieren.

Ergebnisse

Liegebettenwahl von Rehkitzen

Die über das Wildtierportal Bayern gemeldeten Kitzfundpunkte und die eigens erhobenen Daten wurden in einer gemeinsamen Analyse der TUM-Ökoklimatologie und der LWF ausgewertet. Insgesamt konnten aus den ersten beiden Jahren Daten zu mehr als 600 Kitzfundorten und 450 Flächen ohne Kitzfund gesammelt werden.

Da die exakte Wahl des Liegebetts das Rehkitz zwar vornehmlich selbst trifft, jedoch dessen Entscheidung nicht ganz unabhängig ist (durch die Vorauswahl des Setz- und Aufzuchtgebiets der Geiß), wurden die Daten auch in Bezug auf diese beiden Komponenten ausgewertet. Die gewonnenen Ergebnisse legen nahe, dass es durchaus Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten zwischen der „Vorauswahl“ der Geiß (= Landschaftsebene) und der exakten Liegebettenwahl des Kitzes (=Feldebene) gibt. Einen hohen Einfluss auf der Landschaftsebene hatten z.B. der Strukturreichtum der Landschaft oder die Anzahl der bereits gemähten Felder. Auf der Feldebene waren vornehmlich Faktoren entscheidend, die das Deckungspotential für Kitze widerspiegelten. Die genauen Ergebnisse der Analyse können in dem LWF Artikel XX nachgelesen werden.

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Melderinnen und Meldern der Kitzfundpunkte für die Unterstützung ganz herzlich bedanken.

Fotostory Kitzsuche

Projektinformation
Laufzeit: 01.01.2020 bis 30.06.2024
Projektleitung: Dr. Wibke Peters
Projektbearbeiter: Sophie Baur
Kooperationspartner: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft: Institut für Landtechnik und Tierhaltung, Arbeitsgruppe Verfahrenstechnik Grünland und Futterkonservierung; Technische Universität München: Professur für Ökoklimatologie & Arbeitsgruppe für Wildbiologie und Wildtiermanagement
Finanzierung: Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Förderkennzeichen: A/19/17

Veröffentlichungen