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Florian Stahl
»Kolle« und der Schwarze Freitag – LWF aktuell 118

Es war ein rabenschwarzer Tag für den Wald in den Landkreisen Regen und Passau, als am Abend des 18. Augusts 2017 eine Schlechtwetterfront über die ostbayerische Region hinweg zog. Was sich damals ereignete, hat in dieser Form der Vordere Bayerische Wald noch nicht erlebt. Wie es nach »Kolle« weiter geht, darüber sprach Florian Stahl mit den Bereichsleitern der beiden Forstämter.

Gewitterwolken am AbendZoombild vorhanden

Abb. 1: Gegen Abend des 18. Augusts 2017 schob sich eine Gewitterfront über weite Teile Bayerns hinweg. (Foto: M. Mößnang, LWF)

Florian Stahl: Als sich damals am Freitag Abend Kolle angekündigt hat, was ging Ihnen durch den Kopf?

Johann Gaisbauer: Zunächst machte ich mir keine Sorgen. Es war ein heißer Sommertag, wir waren auf einem Sommerfest und keiner von uns dachte, dass »Kolle« besonders schlimm werden würde. Erst als wir in der Nacht heimfuhren, auf den Straßen überall abgerissene Äste lagen und wir für eine Strecke, die man sonst in 30 Minuten zurücklegt, 2,5 Stunden brauchten, da dämmerte mir dann doch Schlimmes. Am nächsten Tag kam dann die Bestätigung durch die Revierleiter.

Stefan Schaffner: Die Sturmnacht selbst habe ich im Landkreis Regen im Zwiesler Winkel erlebt, hier schüttelten heftige Böen die Bäume durch, aber es war nicht beunruhigend. Als mir am Samstag frühmorgens Gerhard Lichtenwald, der Abteilungsleiter von Waldkirchen, der in Neureichenau wohnt, seine Erlebnisse schilderte, ich unsere Revierleiter im südlichen Raum anrief und meine Frau das Internet durchforstete, war mir klar: Das war kein normaler Sturm.
Johann Gaisbauer und Dr. Stefan Schaffner
Johann Gaisbauer und Dr. Stefan Schaffner sind stellvertretende Behördenleiter und Bereichsleiter Forsten an den Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Passau- Rotthalmünster bzw. Regen. Die Amstbereiche umfassen insgesamt etwa 115.000 Hektar Privat- und Körperschaftswald, die von 34.000 Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern bewirtschaftet werden.

Wie kamen Sie zu einer ersten Einschätzung über die Größe und Höhe der Schäden?

Johann Gaisbauer: Einen zuverlässigen Überblick zu bekommen, war schwierig. Den Revierleitern war es oft genug nicht möglich, auch nur in die Wälder hineinzufahren. Alles lag kreuz und quer über den Wegen. Bereits für den Sonntag nach Kolle war ein Ministertermin angesetzt worden und so ziemlich alle Medien wollten auch über das Ausmaß der Schäden informiert werden. Glücklicherweise hat ein Freund von mir ein kleines Sportflugzeug.
Mit Kamera, Wanderkarte und Textmarker sind wir am Samstagabend aufgestiegen und ich konnte mir so einen relativ zuverlässigen Überblick verschaffen. Über diese Karte und die durchschnittlichen Vorratsfestmeter haben wir dann grob auf die Schadmenge geschlossen. Wir gingen zunächst von 1 bis 1,5 Millionen Festmeter Sturmholz aus. Als am Sonntag dann der Herr Minister Brunner kam, war die Karte auch alles, was wir zu diesem Zeitpunkt vorzuzeigen hatten.

Blick aus einem kleinen Flugzeug auf Wald und Felder.Zoombild vorhanden

Abb. 2: Schadensbegutachtung. (Foto: J. Gaisbauer)

Stefan Schaffner: Mit Hans Gaisbauer hatte ich ab Samstag ständig Kontakt. Er war ja in der Luft und bewegte sich auch an der Grenze zum Landkreis Freyung-Grafenau. Aus den Rückmeldungen unsere Förster, den WBV-Kollegen und den Kontakten zum Forstbetrieb Neureichenau war am Sonntag klar: Kaltfront »Kolle« hat den Amtsbereich im südlichen Raum des Landkreises Freyung-Grafenau auf der Linie Waldkirchen – Jandelsbrunn – Neureichenau mit voller Wucht getroffen. Die Schäden an den Waldbeständen waren massiv. Betroffen waren alle Baumarten und alle Waldbestände. In den beiden wohl hauptbetroffenen Revieren Neureichenau und Waldkirchen mussten wir mit sehr hohen Hektar- Zahlen und und einer entsprechend hohen Festmeter- Zahl Sturmholz rechnen.

Konnten Sie auch auf »FastResponse« der LWF zurückgreifen?

Johann Gaisbauer: Nicht für die erste Schadenserfassung. Da kam Kolle wohl ein Jahr zu früh und die Kinderkrankheiten waren noch nicht ganz ausgemerzt. Dennoch waren Luftbildbereitstellung und Auswertung der LWF für die Abwicklung des »Soforthilfe- Programms« und für die spätere, genauere Schadensschätzung unverzichtbar.

Kolle hat besonders in Regen und Passau-Rotthalmünster gewütet. Die beiden Ämter betreuen 34.000 Waldbesitzer und 115.000 Hektar Wald. Wozu haben Sie den Waldbesitzern als erstes geraten?

Johann Gaisbauer: Zunächst muss man verstehen, dass viele Waldbesitzer von Kolle und seinen Schäden wirklich schockiert bis traumatisiert waren. Viele Waldbesitzer hier sind sehr mit ihrem Wald verbunden, haben ihn teils als Kinder mitbegründet und so war der plötzliche Verlust ein sehr einschneidendes Erlebnis. Bereits in der ersten Woche haben wir allein im Amtsbereich des AELF Passau zusammen mit den beiden betroffenen Waldbesitzervereinigungen und der Berufsgenossenschaft elf Informationsveranstaltungen abgehalten. Dabei haben wir uns auf drei Kernbotschaften konzentriert:
  • Lasst euch Zeit! Der Käfer ist keine Gefahr mehr vor dem Winter.
  • Seid vorsichtig! Geht nicht in den Verhau rein, überlasst das Entzerren und Abstocken den Profis mit ihren Maschinen.
  • Trefft keine überstürzten Entscheidungen bei der Vergabe von Aufträgen. Überlegt euch, was die Aufarbeitung kostet und was für ein Holzpreis dem entgegensteht.
Stefan Schaffner: Uns lag die Aufklärung der Waldbesitzer am Herzen. Von der Gewitterfront wurden alle Waldbesitzer in den Schadgebieten getroffen, unabhängig wie viel Wissen und Fertigkeiten sie über Wald und Waldwirtschaft haben. Jeder Waldbesitzer stand jetzt vor einem Berg an Fragen. Unser zentrales Versprechen war: »Sie können sich mit allen Fragen an die Förster des AELFs wenden, wir unterstützen Sie vor Ort in ihrem Wald«. Vier Botschaften waren uns besonders wichtig.
  • »Gesundheit und Unversehrtheit haben oberste Priorität.« In dem Zusammenhang möchte ich noch die Berufsgenossenschaft, stellvertretend Oswald Haslbeck für unseren Raum, herausheben. Die Zusammenarbeit klappte hervorragend und wir konnten uns ergänzen bei der Sensibilisierung für die Gefahren in der Sturmholzaufarbeitung. Bei der Dimension des Sturms ist es das erfreulichste Ergebnis überhaupt, dass kein einziger Toter zu beklagen war. Dies dürfte das erste mal bei dieser Größenordnung überhaupt gewesen sein.
  • »Das liegende Sturmholz und der Waldbestand haben weiterhin einen Wert.«
  • »Zusammenhalt und Zusammenarbeit der Waldnachbarn helfen, gemeinsam Werte zu erhalten!«
  • »Nichts überstürzen, kein hektischer Aktionismus.«

Wie haben Sie die Waldbesitzer konkret unterstützt?

Johann Gaisbauer: Es gab im Wesentlichen drei Punkte, auf die wir uns konzentriert haben. Zum einen haben wir natürlich weiterhin die klassischen Beratungen vor Ort angeboten. Dank Abordnungen konnten wir sehr bald jedes Revier mit einem zusätzlichen Förster ausstatten, um zumindest ansatzweise den Beratungsanfragen Herr zu werden. Aber auch über das »Soforthilfe-Programm« konnten wir vielen Waldbesitzern helfen. – Und auch das Wegebauprogramm darf man nicht unterschätzen.

Stichwort »Soforthilfe-Programm«. Um den von Kolle verursachten Schäden wirkungsvoll begegnen zu können, hat der Freistaat Bayern den Betroffenen 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Wie sollte dieses Geld schnell und unbürokratisch den Waldbesitzern zur Verfügung gestellt werden?

Johann Gaisbauer: Das Ministerium hat sehr schnell das Soforthilfeprogramm entwickelt und zusammen mit der LWF hat man sich dafür entschieden, über die Auswertung von Luftbildern die betroffenen Flächen in Schadklassen einzuteilen.
  • Klasse R 1: Schäden von 70 bis 100 % des betrachteten Flurstücks
  • Klasse R 2: Schäden von 40 bis 70 %
  • Klasse R 3: Schäden bis 40 %
Ein Großteil des Privatwaldes im Schadensgebiet war betroffen und wurde über das Soforthilfe-Programm abgewickelt – im Ganzen etwa 6.700 ha. Davon lagen 2.500 ha in Klasse R1, 2.000 ha in Klasse R2 und 2.100 ha in Klasse R3. Wir kamen dann über diese Auswertung auf einen Schaden von 1,5 bis 1,7 Millionen Festmeter im Privatwald – recht nahe an den ersten Schätzungen.
Vom Sturm geknickte und entwurzelte Fichten in einem Bestand.Zoombild vorhanden

Abb. 3: Totalschaden Klasse 1: Geworfene und gebrochene Fichten und Tannen. Was stehen blieb, bestimmte der Zufall. Kein Wunder bei Spitzenböen bis 200 km/h. (Foto: F. Popp)

Stefan Schaffner: Unser Versprechen, jeden Waldbesitzer vor Ort in seinem Wald zu unterstützen, wäre nicht ohne die schnelle Reaktion des Forstministeriums und die Bereitschaft unserer Kolleginnen und Kollegen in Bayern einzulösen gewesen. Mein Respekt und meine Hochachtung und unsere Dankbarkeit gilt allen, die hier zusammengewirkt haben. Unser Personalreferat hat eine klasse Arbeit gemacht und die abgeordneten Försterinnen und Förster waren hoch motiviert und haben richtig angegriffen. Der Zusammenhalt unserer Verwaltung hat – aus meiner Sicht – einen bleibenden ungemein positiven Eindruck auf die Waldbesitzer und unsere Partner bei Kommunen, Landkreisen und Verbänden gemacht.

Die Arbeit auf der Fläche gestaltete sich schnell fließend. Neben Nachfrageberatungen ergaben sich viele Angebotsberatungen, da viele Dinge, die unseren Förstern draußen auffielen, angesprochen wurden. BayWIS als Informationstool bei der Eigentümeridentifikation hat sich hier wieder einmal sehr bewährt. Mit der Umsetzung der Soforthilfe und der Anpassung der Wegebauförderung kamen sehr schnell weitere Aufgaben, aber auch Möglichkeiten dazu, die Schadensbewältigung professionell anzugehen und Hilfestellungen zu bieten. Die schnellen Umsetzungen der politischen Entscheidungen in Verwaltungsrichtlinien waren sehr professionell.

Und wie konnten Sie die Soforthilfe umsetzen?

Johann Gaisbauer: Die Umsetzung klappte wirklich sehr gut, – aber nur dank der Unterstützung vieler Kollegen, die aus ganz Bayern abgeordnet wurden. Aber beginnen wir am Anfang: mit dem Antragsformular. Die Antragsformulare lagen überall aus und waren wirklich sehr einfach gehalten. Die betroffenen Waldbesitzer mussten eigentlich nur Flurnummer und Kontonummer angeben und damit war ihr Part quasi schon erledigt. Wir hatten auch insgesamt sieben Hilfskräfte eingestellt, die die Waldbesitzer beim Ausfüllen der Formulare unterstützten.

Dann kamen die Anträge zu den sogenannten Einwertern, im Raum Passau waren das 20 zusätzliche Kollegen aus ganz Bayern. Die Einwerter hatten die Aufgabe, die betroffenen Flurstücke mittels Luftbild in eine der drei Schadklassen einzuwerten. Zwölf Sachbearbeiter haben dann die Anträge geprüft und in der Regel auch bewilligt. Wir sprechen allein für das Passauer Amtsgebiet von 3.300 Anträgen, die in knapp zwei Monaten abgearbeitet wurden. Mit diesen Anträgen konnten wir über 30 Millionen Euro an Soforthilfe bis zum 15. Dezember auszahlen. Die Dauer von Antragstellung bis Auszahlung belief sich lediglich auf 2–3 Wochen!

Und dann gab es noch das Wegebauprogram, das Sie zu Beginn schon angesprochen haben.

Johann Gaisbauer: Ja genau. Aufgrund der großen angefallenen Holzmenge waren die Abfuhrwege schnell in einem schlechten Zustand. Dank des Förderprogramms konnten wir dort Maßnahmen freigeben, um die Zufahrt zu Lagerplätzen am Waldrand, die Instandsetzung von komplett zerstörten Wegen usw. schnell zu ermöglichen. Die Sanierung des Wegenetzes wird sich noch über Jahre hinziehen und wir sind froh, zwei erfahrene Wegebauberater bekommen zu haben, die uns dabei unterstützen.

Sie haben also viel Unterstützung erfahren?

Johann Gaisbauer: Ja auf jeden Fall. Die Zusammenarbeit mit unserem Landratsamt war sehr gut und wir haben insbesondere auf dem Bereich der Pressearbeit viel Unterstützung von ihm erhalten und viele gemeinsame Medientermine bestritten. Auch von Seiten des Staatsministeriums wurden wir mit allem ausgestattet, was wir brauchten. Wir bekamen das nötige Geld und die nötige personelle Unterstützung – und das schnell und unbürokratisch. Und die Kollegen, die zu uns aus ganz Bayern kamen, waren hoch motiviert und hatten eine tolle Einstellung, so dass sich doch schnell eine gute Gesamtstimmung eingestellt hat. Das Ansehen der Forstverwaltung ist in der Region bei den Waldbesitzern, den Kommunen und der Politik deutlich gestiegen.

Aufräumarbeiten im Wald unter Zuhilfenahme schweren Geräts wie Harvestern und Forewardern.Zoombild vorhanden

Abb. 4: Aufarbeitung der Strumschäden mit Harvester und Forwarder. (Foto: F. Popp)

Wie ist der aktuelle Stand und welche Herausforderungen sind bei der Aufarbeitung zu bewältigen?

Johann Gaisbauer: Vorneweg – die Aufarbeitung der Sturmschäden ist weiter als gedacht und könnte bis zum Spätsommer weitgehend abgeschlossen sein. Anfangs lief die Sturmholzaufarbeitung auf vollen Touren. Es waren teilweise bis zu 80 Harvester hier im Einsatz und von allen Seiten kamen die Unternehmer und Holzhändler. Ich würde sagen, dass bis Ende 2017 bereits zwei Drittel des Sturmholzes aufgearbeitet waren. Dennoch machte uns der milde Winter bzw. die schlechte Witterung zunehmend zu schaffen.
Seit den Frosttagen im Februar machen wir aber wieder deutliche Fortschritte, wobei die großen Schadflächen bereits oft schon abgearbeitet sind. Ursprünglich hatten wir mit Lager- und Transportproblemen gerechnet, aber das lief viel besser als erwartet. Die Holzmengen konnten zunächst auf den abgeernteten Feldern gelagert werden und wurden im Großen und Ganzen zügig abgefahren – selbst die schlechteren Sortimente.

Wie zufrieden sind Sie mit der Qualität der Aufarbeitung?

Johann Gaisbauer: Überwiegend wurde schon gute Arbeit abgeliefert, aber es gab auch sehr rücksichtsloses Vorgehen. Wo wir darauf aufmerksam wurden, haben wir das Thema natürlich aufgegriffen und die Unternehmer auf die waldgesetzlichen Vorgaben hingewiesen; manchmal wurde es dann schon besser, aber um ehrlich zu sein, manchmal auch nicht bzw. wir kamen einfach zu spät. In den Hochzeiten waren einfach so viele verschiedene Unternehmer auf der Fläche – da war es kaum möglich, den Überblick zu behalten. Berücksichtigt man die starke Konkurrenz untereinander, bin ich, wenn ich das Gesamtbild betrachte, aber doch recht zufrieden.

Gab es eine Zusammenarbeit mit BaySF und WBVs?

Johann Gaisbauer: Im Grunde hatten wir mit den örtliche BaySF-Betrieben wenig Kontakt – aber die BaySF musste auch nicht beraten werden. Hervorheben möchte ich allerdings noch, dass die BaySF sehr unkompliziert zwei Harvester für mehrere Wochen abgestellt hat, um die Gemeinden bei ihrer Verkehrssicherungspflicht zu unterstützen. Das hat mich sehr gefreut.
Mit unseren WBVs haben wir sehr gut zusammengearbeitet wie zum Beispiel bei den eingangs erwähnten Informationsveranstaltungen.

Was sind die größten Aufgaben für die kommenden Monate?

Johann Gaisbauer: Ich denke, dass die größte Herausforderung sich beim Waldschutz abzeichnen wird. Wir haben da zum einen jetzt sehr viele frische Nadelholzstöcke – perfektes Brutmaterial für den Großen Braunen Rüsselkäfer. Die Experten von der LWF haben sich die Situation vor Ort angeschaut und wir sind alarmiert. Größere Sorgen macht mir allerdings der Borkenkäfer. Wer die aktuellen Schwärmzahlen kennt, der versteht meine Sorgen. Es waren mehr Käfer unterwegs als jemals zuvor seit Beginn des Monitorings. Und diese Käfer sind über den Winter ja nicht einfach verschwunden. Und trotz der Erfolge bei der Aufarbeitung liegt noch Holz in den Beständen und gerade auch oft noch dort, wo man schwer hinkommt. Da helfen jetzt nur regelmäßige Bohrmehlkontrollen und die möglichst schnelle Abfuhr des befallenen Materials. Das wird eine echte Mammutaufgabe.
Natürlich müssen auch viele Flächen wieder in Bestockung gebracht werden, aber das ist dann eher eine Aufgabe für den Herbst und die kommenden Jahre.

Wie bewerten Sie die Auswirkungen auf den Waldumbau – es waren ja auch Mischbestände betroffen?

Johann Gaisbauer: Am besten kamen meiner Einschätzung nach die Lärchen weg. Am schlimmsten schaut es in den mittelalten, wenig durchforsteten Fichtenbeständen aus. Wir haben zusammen mit den Waldbautrainern der LWF ein Wiederaufforstungskonzept entwickelt und hoffen, dieses möglichst vielen Waldbesitzern nahe bringen zu können.

Wie beurteilen Sie die Verbisssituation? Ist Naturverjüngung der Hauptbaumarten möglich?

Johann Gaisbauer: So ganz pauschal kann ich das jetzt nicht beantworten. Die Jagd ist aber natürlich ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, die Freiflächen wieder in Bestockung zu bringen. Da kommt das Verbissgutachten zur rechten Zeit. Wir können den Verbiss einwerten und mit den Akteuren vor Ort reden. Außerdem planen wir, die »Revierweisen Aussagen« zu forcieren und uns dabei insbesondere auf Freiflächensituationen zu konzentrieren. Und letztlich werden wir auch zusammen mit der Unteren Jagdbehörde auf die Reviere mit zu hohem Verbiss einwirken müssen.

Wie reagierte die Bevölkerung auf diese Ausnahmesituation? Ich denke da vor allem an die Sperrung und den schlechten Zustand der Wege?

Johann Gaisbauer: Es war viel Verständnis in der Bevölkerung vorhanden, trotz teilweise schwer in Mitleidenschaft gezogener Wege. Aber die meisten waren ja auch selbst betroffen oder kannten Betroffene. Auch die Tourismusunternehmen haben eingesehen, dass manche Wanderwege und Loipen diesen Winter gesperrt bleiben müssen und haben dahingehend eine gute Öffentlichkeitsarbeit geleistet.

Holzpolder am WegesrandZoombild vorhanden

Abb. 5: Holzlagerung auf Wiesen und abgeernteten Feldern. (Foto: F. Popp)

Können Sie mir abschließend noch ein Fazit geben?

Johann Gaisbauer: Für ein Fazit ist es noch zu früh, dafür sind wir dann doch noch zu sehr in der Schadensbeseitigung gebunden. Aber soviel kann ich doch sagen: Es gibt nicht »das Konzept«, das man aus der Schubladen zieht, wenn ein Sturm zugeschlagen hat. Für jede Region gibt es Unterschiede in Waldstrukturen, Infrastruktur, etc., die jeweils eine Einzelfalllösung erfordern. Man darf sich nicht aus der Reserve locken lassen, trotz hunderter Probleme am Tag, auch wenn links und rechts alle die Nerven verlieren.

Ansonsten ist die Pressearbeit sehr wichtig, allerdings hat uns das auch sehr belastet, weil wir in Passau anfangs kaum Erfahrung im Umgang mit den Medien hatten. Ferner hat sich gezeigt, dass die ersten zumindest halbwegs verlässlichen Daten innerhalb weniger Tage nach einem solchen Ereignis vorliegen müssen – da zähle ich in Zukunft auf die Fernerkundungsabteilung der LWF. Besonders hervorheben möchte ich noch die sehr schnelle Ausstattung mit Finanzmitteln und die Bereitschaft so vieler Kollegen, uns im Ernstfall vor Ort zu Unterstützen. An alle, die uns während dieser Zeit unterstützt haben, ein herzliches Dankeschön!
Stefan Schaffner: »Katastrophenmanagement« wird in Zukunft zum Alltagsgeschäft von Förstern und Forstunternehmern. Das Wetter wird extremer. Kolle war ja nur eine durchziehende Kaltfront und kein Orkantief. Seit 2015 hatten wir im Amtsgebiet jährlich ein oder zwei kleinere Stürme. Nach Kolle belastet Frederike aktuell den Holzmarkt. Jedes Ereignis wird seine eigenen Eigenarten haben, mit denen wir zurechtkommen müssen. Was immer gleich bleiben wird: In Abhängigkeit der tatsächlichen Lage nach dem Ereignis braucht jeder Akteur für sich und seine Leute ein Konzept mit klaren Kommunikationslinien, klaren Aufgaben und Zuständigkeiten. Langfristig sind es drei Botschaften, die helfen werden, Sturmschäden im Wald zu verringern.
  • Wir brauchen durchmischte und strukturierte Waldbestände. Der Unter- und Zwischenstand und die Vorausverjüngungsvorräte sind stehen geblieben.
  • Wir brauchen eine gute und ausgebaute Walderschließung. Pfleglich aufarbeiten können wir nur, wenn die Haustüren in den Wald auch im Katastrophenfall zu öffen sind.
  • Und wir brauchen Waldbesitzer und Jäger, die gemeinsam mit ihrem Können und Wirken die Voraussetzungen für Naturverjüngung auf der Fläche schaffen.
Und ein letztes Fazit. Es gibt bereits jetzt zwei große Erfolgserlebnisse für mich persönlich. Es ist kein tödlicher Unfall passiert, was auch noch so bei der Restaufarbeitung bleiben soll. Und Erfolgserlebnis 2: der Zusammenhalt, das Zusammenstehen und die Solidarität im betroffenen Raum und darüber hinaus, die ich erleben durfte.
Herzlichen Dank für Ihre Geduld und Ihr Entgegenkommen und natürlich für Ihre Einschätzungen.

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