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Peter Hagemann
Baldrian – LWF aktuell 116

Als »geborenem« Fallensteller war Peter Hagemann die Fallenjagd nie fremd. Seit Jahren stellt er im Frankenwald den Wildkatzen nach. Und das durchaus mit Erfolg, wenn man sich in den einschlägigen Jagdkreisen umhört. Aber nicht nur bei der Jagd auf Katzen ist er erfolgreich, auch seine »Beifänge« können sich durchaus sehen lassen.

In einem Forsthaus aufgewachsen, war für mich das Fallenstellen wohl die erste eigene Jagdausübung. Heute lehne ich die Fallenjagd für mich ab. (Einzige jagdethische Ausnahme: Wenn wieder einmal Wanderratten in meinen Hühnerstall einziehen wollen.) Dennoch umgibt diese Art, Tiere zu erbeuten, irgendein Mythos – wahrscheinlich eine durch Lederstrumpf- oder Karl May-Romane geprägte Romantik, der ich mich bis heute nicht ganz entziehen kann. Und ich bin anscheinend nicht allein.

Mit "guten" Fallen auf die Jagd

Fallensteller sind die letzten Trapper. Fallenstellen ist Strategie und Taktik. Warum darauf verzichten? – Wie gut, dass es eine tierfreundliche Variante gibt: die Fotofalle. Die früher oft gespürte Spannung und Emotion erwacht wieder beim versteckten Wildtiermonitoring. Mit der Wildkamera auf der Jagd nach Wildkatzen. Der Köder: Baldrian. Die Beute: das Bild und die Videoaufnahme. Jagd vorbei, Halali. Von der reichhaltigen Beute an Bildmaterial und an Erfahrungen »rund um den Lockstab« soll im Folgenden die Rede sein.

Katzen lieben Baldrian

Katze riecht an einem Holzstab.Zoombild vorhanden

Abb. 1: Wildkatzen lieben Baldrian. (Foto: Nationalpark Thayatal, Ch. Übl)

Seit 2013 bin ich der Wildkatze auf der Spur. Mit der Fotofalle. Die Idee: Baldriantinktur (aus der Apotheke) als Lockmittel, Wildkatze kommt, reibt sich und wird von Wildkamera »erlegt «. Ganz einfach. Wo finde ich Wildkatzen? – Einsamkeit, Wildnis, Randstrukturen, Wildwechsel, Mäuse, Totholz, Wärme. Genau dort gehe ich auf die Suche.

Und werde fündig: In unseren drei Forstrevieren am Obermain lerne ich viele Hauskatzen kennen – und Baummarder. Im Frankenwald hingegen ist es zu abgelegen für Hauskatzen. Auch hier lerne ich Baummarder kennen – und dann endlich die ersten Wildkatzen.

Wildkatzen im Frankenwald

Mann beim Anbringen einer Wildkamera an einen BaumZoombild vorhanden

Abb. 2: Der Lockstab duftet bereits nach Baldrian. Jetzt noch die Falle richtig positionieren und dann scharf stellen. (Foto: Anne-Nikolin Hagemann)

Nach den ersten Wildkatzenbesuchen Ende 2013 und Anfang 2014 konzentriert sich die Fotofallenjagd auf drei vielversprechende Stellen oberhalb der Ködeltalsperre. Hier wird systematisch mit Baldrian- Lockstäben gearbeitet, um neben den Bildern auch Haare der Wildkatzen zu erbeuten. Für genetische Auswertungen im Labor. Doppelte Anstrengung: Richtige Platzierung von Stab und Kamera, klinisch sauberer Umgang mit Stab und Haarprobe (Handschuhe, Pinzette, Probenbeutel). Aber auch doppelte Beute: Bilder und Haarproben.

Der Trapper ist erwacht. Sechsmal klappt der Doppelnachweis, Hunderte Bilder entstehen. Dann nutze ich auch die Video-Funktion der Wildkameras. Erst auf den 30 Sekunden-Filmen ist das vollständige Verhalten der Wildkatzen an der Baldrian-Quelle zu erkennen: Wittern, Schmiegen, Reiben, Rollen. Es ist, als ob jedes Körperhaar mit dem Duft in Berührung kommen soll. »Das Parfüm« aus Patrick Süskinds Roman als ultimativer Sinnesrausch? – Ist harmlos dagegen. Baldrian als Beruhigungsmittel? – Gilt nicht für Katzen. Und kaum ein Abgang ohne Markieren mit Urin. Natürlich nach Katzenart. Der Strahl ist meist deutlich zu erkennen. Seitdem trage ich auch dann Handschuhe am Lockstab, wenn es gar nicht um Haarproben geht.

Mit meiner Begeisterung über die ersten Ergebnisse bin ich nicht allein. Menschen mögen Katzen. Das gilt besonders für wilde. Die Lokalpresse sieht ihre Rückkehr als ein Stück unverfälschte Heimat. Zwei meiner Kurzvideos erreichen unter den Titeln »Wildkatze bei Tag« und »Wildkatze bei Nacht« bei YouTube schnell über 2.000 Klicks. Immerhin. Auch am Obermain tut sich was. Die Wildkamera – bis zu diesem Zeitpunkt an mehreren Orten völlig erfolglos in Bezug auf Wildkatzen – wartet inzwischen an einem Bachlauf im Forstrevier Lichtenfels auf ganz andere Beute:

Der Schwarzstorch hat sich nach dem Frankenwald auch heimlich das Vorland als Brut- und Nahrungsraum erobert. Zusätzlich wird ein Lockstab am Bachufer installiert – man weiß ja nie. Das mit dem Schwarzstorch klappt: Erst einer, dann zwei auf einmal gehen in die Falle. Das mit der Wildkatze klappt auch: Völlig überraschend zeigt sich im September 2015 mehrmals ein Exemplar auf Kurzfilm. Ein weiterer fester »Monitoring- Standort« ist entstanden. Auch dieser wird ergiebig: Über Einhundert Einzelbilder und 15 Videos bei 20 Wildkatzenbesuchen bis heute. Und unendlich viel »Beifang«. Nicht nur Schwarzstörche.
Baummader klettert an einem Holzstock

Abb. 3: Baummarder

Firschlinge an einem Holzstock

Abb. 4: Frischlinge

Ein Reh riecht an einem Holzstock

Abb. 5: Rehwild

Schwarzstorch im Wald

Abb. 6: Schwarzstorch

Eichhörnchen schnuppert an einem Holzstock

Abb. 7: Eichhörnchen

Beifang

Baummarder lieben Baldrian. Steinmarder dagegen wohl nicht unbedingt. Der Fallenstandort am Bachlauf im Revier Lichtenfels hat den Vorteil, dass auch viele – an Baldrian uninteressierte – tierische Passanten vorbeikommen. Alte Trapperweisheit: »Wasser zieht immer.« Manchmal auch bei Steinmardern. Die halten beim Baldrian aber nicht einmal an. Baummarder immer. Und machen es dabei wie die Wildkatzen. Im Frankenwald gab es einen, der jeden Tag zur intensiven Kontaktpflege vorbeikam. Da leider daraufhin die Wildkatzen wegblieben, musste ich an dieser Stelle eine längere Fangpause einlegen.

Wer liebt sonst noch Baldrian?

Schwarzwild: Bei den Sauen scheint es individuelle Vorlieben zu geben. Zieht eine Rotte vorbei, sind es meistens die Jungtiere, die einmal den duftenden Lockstab als »Mahlbaum« ausprobieren. Aber auch einzelne ältere Stücke lassen sich vom Duft anlocken. Meist bleibt der Stab dabei auf der Strecke. Rotwild: Zeigt deutliches Interesse am Lockstab. Von Witterung-Nehmen über das Reiben der »Stirnlocke « bis hin zum Herausziehen des Stabes reichen die Emotionen.

Rehwild: Einzelne Stücke zeigen flüchtiges Interesse, das aber über ein Witterung-Nehmen nicht hinausgeht. Füchse: Zeigen deutliche Vorliebe für die Lockstäbe, ohne aber Körperkontakt zu suchen. Beide Geschlechter markieren mit Urin direkt am Stab bzw. in unmittelbarer Nähe. Waschbär: Neben mehreren uninteressierten Passanten gab es einen Besuch mit intensivem Körperkontakt.

Eichhörnchen: Viele zufällige Schnappschüsse, aber nur einmal mit einer Nase voll Baldrian.

Wanderratten: Der »Rattenfänger von Hameln« soll laut Legende auch mit Baldrian gearbeitet haben. Aber wohl nicht bei Ratten: Kein Fotofallen-Treffer trotz Gewässernähe!

Luchs: Leider überhaupt kein Treffer. Im Abstand jeweils von mehreren Jahren gibt es Berichte über Beobachtungen im Frankenwald. Nach dem Motto »Katzen lieben Baldrian – auch der Luchs ist eine Katze« lagen meine Hoffnungen auf der Waldabteilung »Luchsgrün«, wo es immer mal wieder ernst zu nehmende Sichtungen gab. Und erlebten einen erheblichen Dämpfer: Luchsbeobachter aus dem Nationalpark Bayerischer Wald berichten, dass die Tiere nicht an Baldrian interessiert sind.

Das Wildkatzenmonitoring geht weiter

Ich hoffe, dass sich diese faszinierende Tierart – einerseits absolut scheu und heimlich, andererseits dem Beobachter auf ihre »Katzenart« irgendwie seltsam vertraut – bei uns weiteren Lebensraum erobert. Unsere naturnahe Waldbewirtschaftung schafft unterschiedlichste Strukturen auf engem Raum. Weil die Wildkatze genau das liebt, ist sie ein sicherer Indikator dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich werde sie deshalb weiter begleiten und sicher noch einige Exemplare »erbeuten«. Mein Auto wird weiter intensiv nach Kräutern riechen. Wirklich kein Schnaps, nur Baldrian – wenn auch nicht alkoholfrei. Vielleicht werde ich dabei 1.000 Bilder zusammenbekommen, aber sicher nicht Neil Youngs »1.000 Pelze«. Pocahontas wird auf mich verzichten müssen.

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Weiterführende Informationen

Autor

  • Peter Hagemann