Eine Gruppe von Kindern steht in einem Laubwald.

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Joachim Hamberger
Wissenschaft im postfaktischen Zeitalter – LWF aktuell 115

Wir leben in einer Zeit, in der Informationstechnik, Krebsvorsorge und Elektromobilität selbstverständlich sind. Unsere Gesellschaft ist auf Wissen und auf Wissenschaft gebaut. Wissenschaft steht für Fragen und Forschen auf Basis von Vernunft und Logik. Ergebnisse müssen für andere Forscher reproduzierbar sein.

Messen, Zählen, Wiegen führen zu Ergebnissen, erst danach kommt die Interpretation, erst daraus ergibt sich eine Geschichte, nicht umgekehrt. Diese Weltsicht, die auf Fakten beruht, schien uns bislang selbstverständlich. Sie ist es aber nicht mehr!
Manche Politiker wollen der Klimaforschung Gelder streichen, weil sie den Klimawandel für nicht existent halten, die Evolutionstheorie aus den Schulbüchern entfernen, weil sie nach ihrer Auffassung ihren religiösen Vorstellungen widersprechen oder Universitäten schließen, weil sie Dinge sagen, die ihnen nicht passen. Die Freiheit der Forschung und Lehre ist an vielen Orten in Gefahr; denn Vermutungen und Meinungen werden nicht mehr klar von wissenschaftlichen Erkenntnissen unterschieden.

Vom Präfaktischen Zeitalter zur Aufklärung

Statue aus Stein auf einer Häuserfassade. Darunter die Inschrift "Veritati"Zoombild vorhanden

Abb. 1: Über der Fassade der Neuen Universität Würzburg schreitet Prometheus. (Foto: Universität Würzburg)

Faktenbasiertes Handeln war in der Menschheitsgeschichte lange nicht Standard: Es gab ein präfaktisches Zeitalter, in dem politische Entscheidungen nach dem Stand der Sterne getroffen wurden, in dem man in Kriege zog, wenn die Orakelaussagen optimistisch stimmten; und wenn ein Hagelschlag die Ernte im Weinberg vernichtete, dann – davon war man fest überzeugt – waren die Hexen daran schuld.

Erst durch die Entdeckung der kritischen Vernunft vor etwa 300 Jahren emanzipierte sich der Mensch von Ängsten, einfachen Schuldzuweisungen und übersinnlichen Erklärungen. Die Vernunft und das objektiv Überprüfbare wurden nun der Maßstab, um Dinge zu erklären und um Entscheidungen zu treffen. Das ist zweifelsfrei ein Verdienst der Wissenschaften, die in der Aufklärung geboren wurden. Bis heute sind die Wissenschaften durch ihr kritisches und fragendes Denken der Motor und das Korrektiv des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Forstschritts und die Basis für politische Entscheidungen.

Wissensgesellschaft in der Krise

Nie gab es so viel Wissen und so viele Möglichkeiten, darüber zu kommunizieren, wie heute. Aber vielen Menschen sind die Politik, auch die Wissenschaft heute zu kompliziert; Sinn und Hintergrund politischer Vorgänge sind ihnen in ihrer Tragweite unverständlich, die Forschung ist ihnen zu abstrakt und die Welt in ihrer Vielfalt zu unheimlich. Dazu kommt, dass wir in einer medialen »Hochgeschwindigkeits-Gesellschaft« leben, in der Massen von Information täglich an uns vorbeirauschen, die alle um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Aber: Sind alle wichtig? Und vor allem: Sind alle richtig?

Nachrichten, meist über Elend, Gewalt und Problemen, begegnen uns permanent: Wir lesen sie in der Zeitung am Frühstückstisch, hören sie auf dem Weg in und von der Arbeit im Autoradio und sehen die Bilder dazu abends in unseren Wohnzimmern. Wir sind umspült von Informationen, niemand kann sich dem entziehen. Überprüfen kann man sie kaum, man vertraut dem Sender.

"Ich mach mir meine Welt, so wie sie mir gefällt"

Durch die Social Media kann man Informationen leicht selbst strukturieren und bewusst subjektiv zusammenstellen. Das ist zwar prinzipiell positiv, hat aber auch einen Nachteil: Durch die selektive Zusammenstellung kann man sich einen Raum schaffen, in dem man nur das hört, sieht und liest, was man ausgewählt hat. Der Klimaskeptiker ist dort in seiner Welt unter Gleichgesinnten, der Religionsfanatiker sucht sich die Dinge aus, die seinen Hass verstärken, die Anhänger von Verschwörungstheorien jeglicher Couleur basteln ihre abstrusen Weltbilder zusammen, in denen das CIA die TwinTowers in die Luft sprengt, Juden die Weltverschwörung anzetteln oder die Pharma-Lobby Viren und Bakterien aussetzt.

So schaffen sich viele ihre eigene Wirklichkeit, in der sie Meinungen mit Halbfakten und mit echten Informationen mischen. Weil diese Menschen ihre selbst zusammenselektierte Informations-Welt täglich erleben, empfinden sie diese als grundwahr. Wer diese Weltsicht nicht bestätigt, der gehört für sie zum Establishment oder zur Lügenpresse.

Echokammern

In der Kommunikationswissenschaft spricht man von »Echokammern«. Gemeint ist, dass durch den vielfältigen Wiederhall der eigenen Meinung in den sozialen Netzwerken und beim virtuellen Umgang mit Gleichgesinnten sich die Weltsicht sehr verengen kann. Die Reichsbürger und ihre Wahrnehmung des Staates sind dafür ein aktuelles Beispiel. Dazu kommen gesteuerte »social bots«, Computer-Roboter, die durch likes und dislikes Trends verstärken; ferner Nachrichtenforen, die Halbwahrheiten und Falschinformationen verbreiten, deren Ziel Verunsicherung ist, um eigene Botschaften zu platzieren.

Populisten verzerren

Populisten (auch die Gewählten in hohen Staatsämtern) nutzen die falschen oder verzerrten Nachrichten, um mit subjektiver und lautstarker Empörung Zustimmung zu erheischen. Mancher äußert sich in 140 Zeichen-Wutausbrüchen mit lautem digitalen Geschrei. Dabei wird eine Geschichte festgelegt und nur die passenden Fakten dazu selektiert, die diese Geschichte stützen. Manch einer nutzt dabei die Gelegenheit, um gleich noch eigene alternative Fakten dazuzudichten. Die Fans umgeben sich mit diesen Nachrichten, hören nichts anderes mehr und schon dröhnt die Echokammer der sich selbst verstärkenden Empörung. Diese populistischen Führer ignorieren das Argument und die Rationalität. Denn es geht nicht um Wahrheit, sondern um eigene Interessen und um Gefolgschaft.

Die Zielperson – der orientierungslose Mensch

Zwei Menschen legen eine ihrer Hände in den Mund eines Gesichts aus SteinZoombild vorhanden

Abb. 2: Die Bocca della Verità, zu Deutsch "Mund der Wahrheit", ist ein antikes Marmorrelief in Rom. (Foto: J. Hamberger)

Zielperson ist der im Meer der Information orientierungslose Mensch, der wegen der Fülle und Unüberschaubarkeit von »Vernunft«-Erkenntnis auf »Gefühls«- Erkenntnis umgeschaltet hat. Populisten sprechen genau deshalb die Gefühle an, um Anhängerschaft zu erzeugen: Mit wenig Fakten schüren sie Angst, Furcht, Hass und Wut. Es gibt für sie nur ein JA oder ein NEIN, und damit ein FÜR UNS oder GEGEN UNS. Und das perfide ist: Alles, was nicht zur einfachen Populisten- Botschaft passt, wird als fake news (Lügenpresse) abgetan. Damit wird Verwirrung gestiftet und die Populisten verunsichern – und Verunsicherung ist der Keimboden für neuen Populismus.

Die Welt soll einfach sein und die Probleme zuhause gelöst werden. In Wirklichkeit ist die Welt aber viel komplexer. Aber auch in der globalen und komplexen Welt gibt es viele (statistisch überprüfbare) Erfolge, sie werden im öffentlichen Diskurs nur zu wenig wahrgenommen: Seit den 1970er Jahren hat kriegerische Gewalt auf der Erde deutlich abgenommen, ebenso hat die globale Armut abgenommen, die Gesundheitsversorgung hat sich verbessert genau wie die Bildung. Das sind weltweite und wirkliche Wahrheiten.

Natürlich gibt es auch globale Probleme, und die sind eben nicht national und nicht mit einzelnen Maßnahmen zu lösen: Der Klimawandel ist grenzüberschreitend und lässt sich nicht mit Elektroautos und der deutschen Energiewende in den Griff bekommen, die Migration ist nicht durch Zäune lösbar und der Terrorismus lässt sich nicht mit Kopftuchverboten in Europa bekämpfen.

Antworten können nicht leichter werden, wenn Probleme immer komplexer werden. Politik und Wissenschaft sind gefordert, als Übersetzer und Erklärer aktiv zu werden. Denn es braucht die Vermittlung von Rahmen und Maßstäben, damit Bürgerinnen und Bürger Information kompetent einordnen können.

Was kann Wissenschaft leisten?

Wissenschaft ist deshalb gefordert, herauszutreten aus den Labors und Studierstuben, an die Öffentlichkeit zu gehen und Standpunkte zu vertreten. Es braucht in der Wissenschaft nicht nur Tiefe und Spezialistentum, sondern auch breites Verständnis. Hans-Peter Dürr, Preisträger des alternativen Nobelpreises, sprach vom »T«-Wissenschaftler, der in der Tiefe forscht, aber auch rechts und links neben seinem Spezialgebiet fähig ist, Dinge einzuordnen. Studenten sind Botschafter der Wissenschaft in der Gesellschaft. Gerade sie müssen in T-Form ausgebildet sein, tief, aber auch breit, um gedanklich Anschluss nehmen zu können. Jeder Wissenschaftler, jeder Professor, jeder Akademiker ist Botschafter der Aufklärung.

Der gesellschaftliche Bezug von Wissenschaft und die Rückmeldung sind wichtig, denn die Gesellschaft muss wissen, was sie bezahlt und warum und welchen Nutzen sie davon hat. Deshalb müssen Wissenschaftler ihre Arbeit immer auch fürs »Volk« übersetzen und nicht nur für die Kollegen schreiben. Wer der Bevölkerung heute komplizierte Dinge verständlich erklären kann, der schafft sich in der Gesellschaft einen Verständnis- und Akzeptanzvorteil, ja einen Wertschätzungsvorteil. Dieser Kontakt muss permanent gepflegt werden, um Vertrauen aufzubauen. Wissenschaft braucht Vertrauen in ihre kritische Methodik, die seriöse Faktenproduktion und letztlich in ihre gemeinwohlorientierte Arbeit. Vertrauen ist die Währung, von der die Wissenschaft und die Gesellschaft lebt.

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