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Joachim Hamberger
Der Tannensäer von Nürnberg – LWF aktuell 116

Die Wälder rund um die Freie Reichsstadt Nürnberg waren bereits im 14. Jahrhundert wegen des immensen Holzbedarfs der Stadt und ihres industriellen Gewerbes außerordentlich stark belastet.

Portrait eines Mannes in roter Kutte und rotem Hut.Zoombild vorhanden

Abbildung: Der Nürnberger Patrizier Peter Stromer ist der "Erfinder" der Nadelholzsaat. (Quelle: wikipedia.de)

Der Nürnberger Patrizier Peter Stromer erkannte die Gefahr, die von einer Verknappung der Holzversorgung ausging. Mit seinen »Tannensaaten« war Peter Stromer dem Verständnis, den Traditionen und der Denkweise seiner Zeit weit voraus. Schon bald wurden in ganz Europa devastierte Wälder nach Art der Nürnberger Tannensäer neu begründet.

Peter Stromer (~1310–1388) gehörte zu den Hauptherren des Nürnberger Handelshauses Stromer, einem gemischten Konzern für Fernhandel, Berg- und Hüttenwesen. Die Firma betrieb unter anderem Eisenhämmer an der Pegnitz sowie Bergbau und Hüttenwesen in der Oberpfalz und in den Karpaten.

Das Handelshaus Stromer brauchte für seine vielfältigen Gewerbe große Mengen Holz und Holzkohle und war zeitweise der größte Holzbezieher aus dem Nürnberger Reichswald.

Dieser war auf Grund des Wachstums der Stadt im Hochmittelalter stark beansprucht. Holzmangel wurde immer akuter. Mit einschneidenden Maßnahmen und restriktiver Bewirtschaftung versuchte man die Versorgung sicherzustellen, war aber wenig erfolgreich.

Not macht erfinderisch

Die sich zunehmend verschlechternde Holzversorgung dürfte der Anlass für Peter Stromers systematische Forstkulturversuche gewesen sein. Es war wohl sein Interesse als Unternehmer, das ihn nach Wegen aus der Versorgungskrise suchen ließ. Nach intensiver Vorbereitung und genauer Naturbeobachtung gelang es ihm 1368, eine erfolgreiche Technik der Waldsaat zu entwickeln. Dadurch rettete er die schnell expandierende Wirtschaft aus einer Notlage, die die Stadt in den zwei Generationen zuvor gezwungen hatte, bestimmte energieintensive Gewerbe aus ihrer Bannmeile zu weisen. Seine nur scheinbar belanglose Leistung der Waldsaat ist jedoch aus zwei Gründen bemerkenswert.

Stromer – Patrizier und "Forstmann"

Aus technisch-biologischer Sicht sind Stromers Saaten herausragend, da er nach bis dahin unbekannten biologischen Zusammenhängen forschte, diese auch entdeckte, nutzte und darauf aufbauend neue technische Verfahren entwickelte. Zapfen sammeln, Samen ernten und lagern sowie anschließend das Saatgut in einem gepflügten Boden einsäen sind Vorgehensweisen, die im Mittelalter mehr als ungewöhnlich waren. Ungewöhnlich war auch, dass seine Wahl auf Nadelbäume fiel, galten doch diese mit ihren scheinbar wertlosen Früchten, den »Kien-Äpfeln«, als »arbores malae et nonfructiferae«, als schlechte und keine Früchte tragende Bäume.

Stromer, der Vordenker

Zum anderen ist seine langfristig planende Vorgehensweise, Ressourcen zu begründen, die erst Nachfolgegenerationen zugute kommen, neu und für das Mittelalter völlig außergewöhnlich. Deshalb gilt Peter Stromer zu Recht als Begründer des forstlichen Nachhaltigkeitsgedankens, wenngleich auch das Wort erst 1713 bei Hans Carl von Carlowitz verwendet wird. Stromers Bruder Ulman schreibt um 1395: »Peter Stromeier, mein bruder pracht aus, daz man den walt und holtz seet, davon nu gross vil weld kumen sein.«

Mit Waldpflügen zur Begründung von Baumkulturen hatte Peter Stromer große Flächen in Bestockung gebracht. Es gibt auch Hinweise, dass die Vorwaldbegründung mit Birken bereits unter ihm ihren Anfang nahm. Da Stromer unterschiedliches Koniferensaatgut verwendete, scheint es auch möglich, dass er bereits Darrtechniken entwickelt hat.

Aus Nürnberg in die "ganze Welt"

Die Erfindung bewährt sich schnell. In Nürnberg bildet sich eine Tannensäer- Zunft, die mit großer ökologischer Fachkenntnis (Baumarten, Böden, Klima) schon bald in den Montanrevieren und Ballungszentren Europas mit der neuen Technik devastierte Wälder wieder begründet.

Diese Saaten bedeuten einen außergewöhnlichen Fortschritt in der Technik der Urproduktion und dem Selbstverständnis der Forstwirtschaft. Kern ist der Nachhaltigkeitsgedanke, den Peter Stromer und die Nürnberger Tannensäer entwickelt, gepflegt und weitergegeben haben. Er ist eine kulturelle Leistung, die bis heute das Selbstverständnis von Forstleuten und Waldbesitzern prägt.

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Autor

  • Joachim Hamberger