Eine Gruppe von Kindern steht in einem Laubwald.

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Joachim Hamberger
Carlowitz und die Kultur des Waldes – LWF aktuell 116

Die Wälder Deutschlands sind weit überwiegend in einem vom Menschen gestalteten Zustand. In ihnen ist der Zeitgeist ihrer Begründung zu Holz geronnen. Im scheinbar wilden Wald steckt mehr Mensch als man sieht. Das gilt für artenreiche Mischwälder genauso wie für Fichten- Monokulturen. Die einen wurden durch menschliche Behandlung sturm- und klimastabil gemacht, die anderen sind labil und vom Käfer gebeutelt, weil sie zwar gepflanzt, aber danach sich selbst überlassen wurden. Der Mensch ist es, der diese Natur nach seinen waldkulturellen Vorstellungen gestaltet. Im Positiven wie im Negativen: Der kulturelle Fußabdruck ist in den Wälder überall vorhanden.

Kultur ist – nach dem Philosophen Ernst Cassierer – ein Prozess der fortschreitenden Selbstbefreiung des Menschen. Sprache, Kunst, Religion und Wissenschaft bilden in diesem Prozess unterschiedliche Phasen. Der Mensch entdeckt in ihnen die neue Kraft, sich eine eigene »ideale « Welt zu errichten (Cassierer 2007, S. 345).
Portrait eines MannesZoombild vorhanden

Abb. 1: Hans-Carl von Carlowitz (Foto: J. Hamberger)

Dieser Prozess der Kultivierung gilt sowohl für die Entwicklung des Einzelnen als auch für die Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. Kulturelle Identität konstituiert sich über die Sprache, die Werte, die Gefühle und die Visionen, die Menschen teilen. Förster übersetzen den Zustand des sich selbst genügenden Wilden in einen Zustand des menschlich Geschaffenen, der ökonomisch und ökologisch, vor allem aber auch gesellschaftlich »funktioniert«.

Die Realität, die uns im Wald begegnet, besteht zwar aus natürlichen Elementen, ist aber immer auch ein kulturelles Produkt, weil diese Elemente nach menschlichen Maßstäben zusammengesetzt werden. Kultur ist gemeinsames menschliches Erfahrungs-, aber auch Prozesswissen, zum Beispiel von einzelnen Berufsgruppen wie den Forstleuten. Baustein der forstlichen Identität und Selbstwahrnehmung ist das Erhalten von Natur und die Schaffung von Werten, die der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden.

Der Wald und sein Zustand werden so in die gesellschaftlichen und sozialen Prozesse der jeweiligen Zeit eingebunden.

Was könnte Waldkultur sein?

Wenn man Mann oder Frau auf der Straße fragen würde, was die Kultur des Waldes sei, dann werden sie vermutlich verständnislos zurückblicken. Vielleicht zeigen sie einem auch einen Vogel. Wald und Kultur gehören im Bewusstsein der Menschen einfach nicht zusammen. Wenn man/frau nach Carlowitz fragt – ich habe das schon öfters in Chemnitz, dem Heimatort von Carlowitz, getestet – ist der den Menschen auf der Straße nicht bekannt. Und fragt man sie/ihn nur nach dem Wald, dann ist der Wald im Verständnis der meisten etwas, das der reinen Natur sehr nahe kommt. Selbst naturferne Kiefern- und Fichtenforste werden von unbedarften Stadtmenschen als wildnisnah gesehen.

Die Frage nach Wald und Wildnis

Das bringt uns zu den zentralen Fragen. »Was ist Wald?« und »Was ist wild?«.
Was also ist Wald? Eine Ansammlung von Bäumen, in der – nach Meinung einer kurzfristig denkenden und flüchtig sehenden Gesellschaft – die Natur freien Lauf hat. Was sie aber tatsächlich nicht hat, denn die meisten können das menschliche Gestalten und Wirken, das im Wald steckt, nur nicht erkennen.
Was ist wild? Das von Menschen nicht Gesteuerte, wo Natur wirklich ihren freien Lauf hat und über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte auch nicht beeinflusst wird. Solche Gebiete gibt es weltweit kaum noch: Vielleicht an den Polkappen und in der Tiefsee; selbst die meisten heutigen Urwälder weisen Spuren menschlicher Beeinflussung auf.
Im kollektiven Bewusstsein der Bevölkerung gilt also Wald als der Inbegriff von Natur. »Wald« steht sehr häufig auch als Synonym für »wild«. Je jünger die Menschen sind, desto mehr sehen sie in ihm vor allem die ökologischen Aspekte. Das sollte die Forstwirtschaft aufhorchen lassen.

Die Frage nach Kultur

Die dritte Frage in diesem Zusammenhang ist »Was ist Kultur?«. Nur der Mensch hat Kultur. Kultur beginnt in Mitteleuropa vor circa 40.000 Jahren auf der Schwäbischen Alb mit einem kulturellen Urknall.1 Sprache, Musik, Religion bilden sich heraus. Es ist die Welt der Jäger und Sammler, in der kulturelle Identität entsteht. Einige 10.000 Jahre später kommt mit der Sesshaftwerdung durch die Landwirtschaft ein weiterer großer kultureller Schub. Der Ackerbau eröffnete die Möglichkeit, große Familien zu ernähren. Die Bevölkerung wuchs rapide, es wurden nicht mehr alle Clan-Mitglieder gebraucht, um zum Beispiel gemeinsam zu jagen.

So konnten sich einige geistig, spirituell, künstlerisch und auch handwerklich betätigen. Mit der Kultur kamen Rituale, Kunst, Sprache, Musik, Traditionen, Mythen, Geschichten und Religion auf. Kultur gab es schon vor der Sesshaftwerdung, aber mit dieser entstand eine Art kulturelle Echokammer, das heißt, sie vervielfachte sich und differenzierte sich aus. Die Einführung der Agrikultur ist also ein wichtiger Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte.

Kultur und cultura

Der Begriff »cultura« kommt aus dem Lateinischen und heißt zunächst wörtlich: Bebauung, Pflege, Ehrung, und hat mit der Landwirtschaft zu tun.
Bebauen heißt: schwer auf dem Feld arbeiten und anpflanzen.
Pflegen heißt: ein Auge darauf haben und das Gepflanzte wohlwollend fördern.
Ehren heißt: den Gegenstand (das Korn) und die investierte Arbeit wertschätzen.
Kultur bezieht sich in diesem Dreiklang zunächst auf die Ackerflächen, dann aber auch auf die Vorräte und die langfristige Planung. Kultur ist die Art, wie der Mensch jetzt lebt: Sein Wirken diversifiziert sich mit der Zeit in Kunst, Handwerk und eben »Kultur« im Sinne von Tradition, Verhalten, Identität; so entsteht mentale Heimat.

Kultur prägt Sprache, drückt sich in Sprache aus (auch in der Fachsprache!) und verfestigt sich in Tradition.2 Kultur ist ein Brunnen, der aus sich selbst schöpft und sich selbst erneuert, das ist die kreative Kraft der Kultur. Kultur heute ist ein Grundpfeiler des Menschseins. Man spricht von kultivierten Menschen (auch von unkultivierten). Kultur zähmt die Menschen und macht sie anschluss- und kommunikationsfähig oder auch sozial verträglich bzw. kulturell kompatibel.

Kultur nimmt Ideen anderer Kulturen auf, integriert, formt um und gebiert Neues. Kultur birgt Vielfalt und schafft Vielfalt. Durch Sprache wird sie artikuliert. Zivilisation dagegen ist etwas anderes. Zivilisiert ist ein mehr oberflächlich gemeinter Begriff, der auf Formen, Normen und Äußerlichkeiten ausgerichtet ist. Kultur ist mehr als Etikette, sie kommt von Innen, weil sie das Subjekt und den Gegenstand durchdringt.

Carlowitz und die Waldkultur

Abbildung eines Kupferstichs. Um ein Banner sind 8 Abbildungen der Holzwirtschaft angebracht.Zoombild vorhanden

Abb. 2: Der Titelkupfer (Frontispiz) zeigt in verdichteter Form die Hauptbotschaften des Buches. (Foto: J. Hamberger)

Was hat das mit Carlowitz zu tun? Carlowitz nennt sein Buch »Sylvicultura – Waldkultur«. Zu deutsch »Die wilde Baumzucht«. Silvae, das sind die wilden Bäume und mit Cultura ist die Zucht, das Heranziehen gemeint. Eben eine Kulturleistung im Sinne von bebauen/pflegen/ ehren. Man spricht ja auch von ziehen, erziehen, nachziehen, heranziehen. Damals, vor 300 Jahren, waren Baumzucht/ Obstbaumzucht sehr beliebt, aber auch die Gestaltung von Gärten im französischen Stil. Beides war stark vom Menschen dominiert und hat die Natur Untertan gemacht.

Hortikultur ist der lateinische Begriff für die Gartenkultur. Er insinuiert per se menschlichen Eingriff. »Wilde Baumzucht« oder »Sylvicultura« ist dagegen ein Widerspruch in sich, oder ein Oxymoron. Das Wilde und die Zucht widersprechen sich, genauso wie das Weite und die Konzentration, oder das Freie und das Gezähmte. Zur Zeit von Carlowitz wurde die wilde Natur ungeplant und ungeregelt genutzt und übernutzt (Exploitation).

Carlowitz stellt sich dieser ungeregelten Ausbeutung entgegen. Er will sie überwinden mit Kultur, möchte die wilde Natur überführen in eine geplante, gepflegte, gehegte Wald-Kultur. Er will keine Kultur der Unterjochung, keine imperialistische, unterwerfende Kultur (wofür der französische Gartenbaustil des Absolutismus steht), sondern eine, die das Wilde und die Kräfte der Natur aufnimmt und lenkend gestaltet.

Im Frontispiz (Titelkupfer) des Buches (Abbildung 3) entwickelt er (bildlich) die Vision vom Planenden, das mit der Zeit und mit der Natur arbeitet und zu gegebener Zeit erntet und dann wieder in den Kreislauf von Planen, Säen, Pflegen, Nutzen eintritt.

Das widerspricht dem ungeplanten, verschwenderischen Raubbau, der sich nicht kümmert, dem der Zustand des Waldes egal ist und den die Interessen der Nachgeborenen nicht interessieren. Deshalb ist die Aufgabe der jeweiligen Gegenwart, also unsere Aufgabe, die Kultur des Waldes, die Waldpflege. Denn wenn wir Dinge kultivieren und pflegen, dann gestalten wir sie nach menschlichem Denken und schaffen damit auch Geist. Etwas kultivieren heißt, einen geistigen Inhalt erzeugen und bejahen.

Mit anderen Worten: Der Nach-lässigkeit stellt Carlowitz die Nach-haltig-keit entgegen. Nachhaltigkeit ist ein Kulturprinzip des positiven Gestaltens.
Kupferstichs eines Engels

Abb. 3: Vignette 1

Kupferstichs eines Baumes

Abb. 4: Vignette 2

Kupferstichs eines Baumebestandes

Abb. 5: Vignette 3

Kupferstich von arbeitenden Holzknechten

Abb. 6: Vignette 4

Carlowitz, der Mann, der Kultur schafft

Carlowitz ist in diesem Sinne ein Kulturschaffender. Er setzt ein ethisches Fundament mit dem Verhaltenskodex der Nachhaltigkeit. Er will die wilde Waldnutzung in ein System kultivierter Nutzung transformieren. Das ist analog zur heute geforderten Großen Transformation. Die Basis einer solchen Kultur sind Respekt, Dank und Wertschätzung nach hinten und ein achtsamer Gestaltungswille nach vorn.

Interessant ist die Titelseite seines Buches. Es beginnt mit den beiden Worten »Mit Gott!«. Das heißt, seine Motivation ist religiös geprägt, er sieht sich als Teil der Schöpfung und deshalb auch in der Verantwortung für den Erhalt dieser Schöpfung. Für Carlowitz ist »Bildung« der Schlüssel zum Erfolg. Sein Erfahrungswissen aufzuschreiben und weiterzugeben war für ihn ein wichtiger kultureller Akt. Flächendeckende »Wald-Kultur« oder Sylvicultura ist aber mit dem Buch von Carlowitz von 1713 noch nicht gelungen. Erst rund drei Generationen später, um 1800 herum, bringen die an Forstschulen und Universitäten ausgebildeten Förster Waldwissen auf die Fläche und in die Wälder. Das zeigt, dass Bildungsvermittlung und die Anwendung von Wissen Hand in Hand gehen müssen und ebenfalls kulturell geprägt sind.

Carlowitz ist ein wichtiger Vordenker. Er ist eine Art forstlicher Monolith am Anfang des 18. Jahrhunderts. Er entwirft mit seinem Buch »Sylvicultura Oeconomica« eine erste Struktur der Forstwissenschaften. Er ist gleichsam der Architekt des in der Aufklärung errichteten forstwissenschaftlichen Gebäudes. Hartig und Cotta sind später wichtige Autoren, die dieses Gebäude mit Leben und Definitionen füllen gleichsam als Innenarchitekten der Nachhaltigkeit. Carlowitz aber ist der Begründer.

Carlowitz, der "Zusammendenker"

Carlowitz hat auf seinen zahlreichen Reisen Wissen aus vielen Ländern Europas zusammengetragen und man darf ihn als den ersten forstlichen »Zusammendenker « Europas bezeichnen. Ferner hat er aus der Literatur weltweites Waldwissen erforscht und aufgeschrieben. Er begeistert sich zum Beispiel für die Anlage von Arboreten in Malta oder in Südafrika. Er kann sich entsetzen über den Umgang mit dem Wald und der Ressource Holz in Mexiko durch die Spanier im 16. Jahrhundert. Er trägt die unterschiedlichen »Waldkulturen« Europas, zum Beispiel Frankreichs, Hollands, Englands, Italiens oder Deutschlands, zusammen und blickt aus dieser europäischen Perspektive in die Welt.

Nachhaltigkeit: ökonomisch, ökologisch und sozial

Das Prinzip der Nachhaltigkeit, das Carlowitz entwickelt hat, ist identitätsstiftend für Waldbesitzer und Forstleute. Es ist eine Art Selbstvergewisserung auf dem Weg der Achtsamkeit, Wertschätzung und Planung. Jeder Wald ist auch ein großes Erbe an einem großen Kapital. Zum einen das ökonomische Kapital, der Wert der Holzvorräte in Euro. Zum anderen hat ein Wald auch ein ökologisches Kapital, nämlich die Vielfalt an Arten und Strukturen, die Menge an Totholz und seine Naturnähe. Ein Wald hat aber auch ein soziales Kapital. Da ist sein Wert für die Erholung, aber sozial ist auch der »Abdruck« der Hände, die ihn geformt haben: Die Baumarten, ihre Zusammensetzung, ihre Baumformen speichern über viele Jahrzehnte die Tradition der nachhaltigen Bewirtschaftung.

Sie bilden mit ihrer Existenz und Form das Handeln derer ab, die diese Wälder gepflegt und gestaltet haben: ihr Können, ihre Wertschätzung der Ökologie, aber auch ihre Orientierung an der Ökonomie. Das zeigt im Negativen jeder ungepflegte Fichtenbestand und im Positiven jeder gut durchforstete Mischwald. Eine reine Holzplantage hat wenig mit dieser differenzierten Waldkultur zu tun. Am Aussehen des Waldes kann man die Achtsamkeit, den Respekt vor dem Ererbten und die Geschichte seiner Behandlung ablesen.

Nachhaltigkeit: das Berufsethos der Forstwirtschaft

Im Wort »Wilde Baumzucht«, aber auch im Wort »Waldkultur« kommt – es sei wiederholt – ein Gegensatz zum Ausdruck: das Ziel Wildnis anzustreben (reine Natur), aber auch die Zucht, womit das Bedienen menschlicher Bedürfnisse gemeint ist, um ökologisches, ökonomisches und soziales Kapital heranzuziehen. Waldkultur (wilde Baumzucht) ist also ein Drahtseilakt – nicht zwischen, sondern auf den drei Leitlinien von Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Die kulturelle Leistung ist dabei das Ausbalancieren der drei manchmal widersprüchlichen Ziele. Ganz bildlich gesprochen: Wenn alle drei Seile gleichzeitig belastet werden, sind sie wie ein stabiles Fundament; basiert jedoch alles nur auf einem Seil, wird es wackelig und die Zwischenräume, in die man stürzen kann, werden sehr groß.

Die Idee, die Carlowitz mit dem Oxymoron von der »wilden Baumzucht« ins Herz der Forstwissenschaft pflanzte, lebt fort in den Begriffen »Der gemischte Wald« (Karl Gayer), »Dauerwald« (Alfred Möller), der »naturgemäßen Forstwirtschaft « (ANW), der Waldfunktionenlehre (Victor Dietrich), der »naturnahen Forstwirtschaft« und der »integrativen Forstwirtschaft«. Diese Begriffe zeigen eine Entwicklung über 300 Jahre, in der sich die Ideen weiterentwickelt haben, aber in denen der ursprüngliche Geist, den Carlowitz gepflanzt hat, noch ganz lebendig ist.

Der Wald ist gespeichertes Wissen der Waldbehandlung durch die Waldnutzer und Waldpfleger der Vergangenheit. Der Waldbau ist in diesem Sinne ein kultureller Fußabdruck. Hier sind das Wissen, der Geist und die Kultur der jeweiligen Zeit gespeichert und aufaddiert zum heutigen Waldbild.

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Autor

  • Joachim Hamberger