Eine Gruppe von Kindern steht in einem Laubwald.

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Uwe Eduard Schmidt
Die Fichte in der Wald- und Forstgeschichte – eine soziokulturelle Betrachtung – LWF Wissen 80

Die Fichte hat seit der Antike eine sehr hohe soziokulturelle Bedeutung. Sie spielte insbesondere in der deutschen Ikonografie des 18. und 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Während des 19. Jahrhunderts wurden Fichtenkulturen zum politischen Streitobjekt der 1848er Revolution; die Fichte als »Preußenbaum« zum Symbol des Kulturkampfes.

Nationalsozialistische Filme und Reden laden den deutschen Wald und insbesondere die Baumart Fichte ideologisch auf. In der Nachkriegszeit wurden Fichtenreinbestände medial zum Topos der idealisierten Landschaft. In der Waldsterbensdebatte kam die Baumart Fichte auf den Prüfstand und gilt heute aufgrund des prognostizierten Klimawandels als die gefährdetste deutsche einheimische Baumart.
Bei keiner anderen Baumart gehen die Meinungen forstlicher Fachleute so stark auseinander wie bei der Fichte. In forstfachlichen Diskursen wird sie oft als »Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft« bezeichnet und damit als Sinnbild einer weniger naturnahen, sondern überwiegend ökonomisch ausgerichteten Forstwirtschaft verstanden. Die Dr. Silvius Wodarz Stiftung, die seit 1989 den Baum des Jahres nach unterschiedlichen Kriterien ausruft, hat die in Deutschland prozentual am stärksten vertretene Baumart Fichte (25,4 %) erst dieses Jahr als Baum des Jahres ausgelobt. Eine offenbar schwierige Entscheidung, die bei anderen Naturschutzverbänden, Waldeigentümern und Forstbewirtschaftungsbetrieben nicht ganz unumstritten aufgenommen wird.

Im nachstehenden Artikel wird nicht auf die Geschichte der verschiedenen Auffassungen von Waldbewirtschaftungen in Wissenschaft und Praxis näher eingegangen, sondern der ideelle bzw. soziokulturelle Wert der Baumart Fichte für den deutschsprachigen Raum aufgegriffen und weitgehend »jenseits von Aufwand und Ertrag« beleuchtet. Trotz dieser Prämisse kann eine retrospektiv ausgerichtete Betrachtung der Fichte nicht immer deren ökonomische Bedeutung völlig ausblenden. Vielmehr werden in der soziokulturell angelegten Studie zeitgleich existierende unterschiedliche Wertvorstellungen und deren Entwicklungen aufgezeigt, analysiert und bewertet.

Soziokulturelle Bedeutung der Fichte

Die soziokulturelle Bedeutung der Fichte reicht im europäischen Raum bis in die Antike zurück. Die siegreichen griechischen Athleten erhielten als Siegespreis einen Kranz, der aus wilden Ölbaum- und Lorbeerblättern und ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. aus Fichtenzweigen gewunden wurde. Im Grabungsfeld des römischen »Vicus Belginum« im Hunsrück wurden Fichtenzweige als Grabbeigabe verwendet, deren kulturelle Bedeutung wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt ist. Darüber hinaus hatte die Fichte (lat. picea, der Harzbaum) aufgrund ihres harzreichen Holzes in der Volksmedizin des Mittelalters und der Neuzeit eine hohe Bedeutung.

In Forstlexika und Kräuterbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts wird die heilende und lindernde Wirkung des Fichtenharzes bei Skorbut, Muskel- und Nervenerkrankungen sowie Erkältungsbeschwerden herausgestellt. Zudem lassen sich mit frisch getriebenen Fichtenzweigen Lebensmittel geschmacklich verfeinern (z. B. Gelee, Liköre und Öle). Indirekt ist die Fichte »Vermittlerin« von Kulturgut, da das im Bergwald geerntete engringige Fichtenstammholz aufgrund der besonderen Klangeigenschaften seit Jahrhunderten zum Bau von Musikinstrumenten (Geige, Gitarre und Klavier) verwendet wird.

Die Fichte in der Romantik – Spiegel unterschiedlicher gesellschaftlicher Diskurse

Gemälde zeit einen Nadelwald, Berge im Hintergrund und einer Burg in der Mitte. Zoombild vorhanden

Abb. 1: Donaulandschaft mit Schloss Wörth, Albrecht Altdorfer, ca. 1522. (Foto: bpk, Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Wald und Bäume sind prägende Elemente in der Kunst. Die Art der Darstellung spiegelt das Waldverständnis, aber auch die Symbolkraft verschiedener Baumarten der jeweiligen Epoche wider. Dies ist hauptsächlich aus der Sicht derjenigen Gesellschaftsgruppen dokumentiert, die sich aufgrund ihrer finanziellen Lebenssituation in der Kunst artikulieren konnten. In der bildenden Kunst des stark religiös geprägten Früh- und Hochmittelalters werden irdische Landschaften, Wälder und Bäume in der Regel nicht dargestellt. Bildhintergründe sind meist in Gold – der Farbe der Unvergänglichkeit – gemalt.

Erst im ausgehenden Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit tauchen Wald und Bäume als Gegenstück zur zivilisierten Welt auf. In dem Gemälde »Donaulandschaft mit Schloss Wörth« (ca. 1522, Abbildung 1) von Albrecht Altdorfer, einem berühmten Vertreter der Regensburger Schule, erscheinen Fichtendarstellungen sehr naturgetreu. Bestehende Konflikte durch Nadelholzaufforstungen wurden in der bildenden Kunst nicht thematisiert, da die landesherrlich ausgerichtete Kunst an Gesellschaftskritik nicht interessiert war.

In der Kunst und Literatur der Epoche »Sturm und Drang« des 18. Jahrhunderts und in der Romantik wurden Wald und Bäume in ihren Darstellungsformen sehr stark emotional aufgeladen. Die Malerei der Romantik bediente sich des symbolhaften Werts unterschiedlicher Baumarten. Caspar David Friedrich stellt beispielsweise in seinem Gemälde »Das Kreuz im Gebirge« (1811) verkümmerte, absterbende »heidnische Eichen« den zielstrebig in den »christlichen Himmel wachsenden Fichten« gegenüber. In diesem Kontext steht das seit dem 19. Jahrhundert belegte Sprichwort »Einen hinter die Fichten führen«, das synonym zu »Einen hinters Licht führen« gebraucht wird.

In der Zeit der Napoleonischen Kriege wurde der Fichtenwald in der deutschen Kunst zum übermächtigen Beschützer und Bewahrer des preußischen Staates hochstilisiert. Das Gemälde von Caspar David Friedrich »Der Chasseur im Walde« (1814) zeigt einen vereinsamten französischen Soldaten auf einer Lichtung des lebensbedrohlich wirkenden künstlich angelegten Fichtenreinbestands. Weitere Metapher des Todes, wie z. B. der als Leichentuch wirkende Neuschnee und der abgesägte Baumstumpf mit der schwarzen Krähe werden entsprechend in Szene gesetzt (Abbildung 2).
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Gemälde zeigt einen Mann im NadelwaldZoombild vorhanden

Abb. 2: Der Chasseur im Walde, Caspar David Friedrich, 1814 (Foto: akg-images)

Aufgrund der regional zum Teil stark übernutzten Waldbestände wurde seit Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend mit der Baumart Fichte aufgeforstet, die bei ausgehagerten Standorten als anspruchslose Pionierbaumart fungierte und später durch andere Baumarten ergänzt bzw. ersetzt werden sollte. Die Frage, ob diese künstlichen Nadelholzbegründungen dem Allgemeinwohl dienlich waren, ist anhand zeitgenössischer Quellen unterschiedlich zu bewerten.

Im Jahre 1781 hielt der aus Berlin stammende Aufklärer Friedrich Nicolai (1733 – 1811) auf seiner Kutschenfahrt von München Richtung Schwaben Folgendes in seinem Tagebuch fest: »Hinter Biburg geht der Weg ziemlich bergan und erreicht bald ein Wäldchen von jungem Nadelholz (Fichte, d. Verf.), erfreuliches Zeichen für die sorgfältige Erhaltung der Wälder«. Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) gelang es, die Nadelholzaufforstung der Muschelkalkberge in der Umgebung von Jena aus landschaftsästhetischen Gesichtspunkten zu verhindern, indem er bemerkte, dass es dasselbe wäre, als ob man der Venus von Milo Kleider anzöge.

Der Komponist Abraham Peter Schulz (1747 – 1800) widmete seinem dreiteiligen Hauptwerk »Lieder im Volkston« (1782 – 1790) eine »Serenada im Wald zu singen«. Im Liedtext wird sich deutlich gegen Nadelholzaufforstungen ausgesprochen: »Es pflegen wohl die reichen Leut’ auch Wald zu machen gern. Da pflanzen dann die Läng’ und Breit’ die klug und weisen Herrn in eine Reihe hin gar künstlich Baum und Strauch und meinen dann in ihrem Sinn, sie hätten ’s wirklich auch«.

Die Fichte, die im Gegensatz zu den fruchttragenden Laubbäumen weder für die Schweinemast, noch für sonstige bäuerliche Interessen von lebenswichtigem Nutzen war, wurde von der bäuerlichen Landbevölkerung größtenteils abgelehnt. Der Kampf der Bauern gegen Fichtenaufforstungen nahm im 19. Jahrhundert teilweise drastische Formen an. Als im Jahre 1819 im Regierungsbezirk Koblenz die zwangsweise Aufforstung von gemeindlichem Brach- und Ödland mit Fichte verfügt wurde, waren Pflanzarbeiter und Kulturen vor bäuerlichen Übergriffen bzw. Zerstörungen durch Militärpräsenz zu schützen.

1848er Revolution und Kulturkampf – die Fichte als Preußen- und Weihnachtsbaum

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die soziale Not im deutschsprachigen Raum – und insbesondere in Preußen – aus Sicht sozial schwacher Bevölkerungsgruppen durch Missstände in der Waldbewirtschaftung verstärkt. In den durch Preußen annektierten Gebieten wurden systematisch durchgeführte Fichtenaufforstungen zum Symbol des von Zucht und Ordnung geprägten Preußentums.

Dieses Phänomen wurde dadurch verstärkt, dass eine straff organisierte preußische Forstverwaltung diese Nadelholzbestände nicht nur bewirtschaftete, sondern auch bewachte und beschützte. Der unnachgiebig und streng von den preußischen Forstbeamten geahndete Forstfrevel hatte in vielen Fällen einen symbolischen Akt des politischen Aufbegehrens. Wilhelm Heinrich Riehl (1823 – 1897) schrieb in seiner Chronik auf das Jahr 1848: »Man muss aber nicht glauben, dass die steten Holzfrevel und ähnliches aus eigentlicher Entsittlichung hervorgegangen wären. Das Landvolk hielt den Holzdiebstahl für ein neues Privileg, für einen Ausfluss an Freiheit«.

In einem Artikel der Rheinischen Zeitung kritisierte Karl Marx vehement die »Debatten über das Holzdiebstahlgesetz «, die im Herbst 1842 auf dem 6. Rheinischen Landtag von den Vertretern des Adels formuliert wurden. Zugleich betrieb Karl Marx grundlegende Rechtsstudien am überwiegend mit Fichten bestandenen Gemeinschaftswald der Hunsrückgemeinde Thalfang, um seine Ideen für eine Gesellschafts-, Wirtschafts- und Staatstheorie anhand des Waldes zu untermauern.
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In dem von Max Preßler 1858 publizierten Buch »Der rationelle Waldwirth und sein Waldbau des höchsten Ertrags« werden den Baumarten Fichte und Kiefer die beste Verzinsung bezogen auf den Boden bescheinigt. In den folgenden Jahren ließen sowohl der ökonomische Nutzen starkdimensionierter Fichtennutzholzsortimente für Masten und Gebäudekonstruktionen als auch moderne technische Verwendungsmöglichkeiten schwächerer Durchforstungshölzer in der aufkommenden Papier- und Zelluloseherstellung die Fichte zum Brotbaum der preußischen und sächsischen Forstwirtschaft werden.

Während der Zeit des Kulturkampfes (1860er und 1870er Jahre), in dem der Konflikt zwischen dem protestantischen Königreich Preußen bzw. späteren Deutschen Kaiserreich und der katholischen Kirche ausgetragen wurde, zeigt sehr deutlich, wie die Baumart Fichte mit dem Preußentum assoziiert wurde. In den preußisch annektierten Gebieten Deutschlands mit überwiegend katholischer Bevölkerung wurde bis zur Jahrhundertwende die preußische Sitte des Fichtenweihnachtsbaumes abgelehnt und weiterhin die Nikolausbescherung »ohne den Preußenbaum« favorisiert.

Die »Fichtenwelle« blieb bis ins 20. Jahrhundert dennoch in vielen Teilen Deutschlands ungebrochen, wirkte und wirkt heute noch zum Teil landschaftsprägend und zuweilen identitätsstiftend, wie z. B. für den Kulturraum Schwarzwald und seinem frühen Tourismus. Mark Twains Reisebericht »A Tramp Abroad« des Jahres 1878 wird zu einer literarischen Ode an die Schwarzwaldfichten: »Von Baden-Baden aus machten wir den üblichen Abstecher in den Schwarzwald. Man kann diese edlen Wälder eben so wenig beschreiben wie die Empfindung, die sie hervorrufen.

Diese Wälder erstrecken sich ohne Unterbrechung über ein riesiges Gebiet; und überall sind sie sehr dicht, sehr still, sehr harzig und duftend. Die Baumstämme sind stark und gerade gewachsen. Das satte Dämmerlicht einer Kathedrale durchdringt die Säulengänge«. Zeitgleich schlugen sich in deutschsprachigen forstwissenschaftlichen Publikationen ökologische Forderungen nach einer Abkehr von Fichtenreinbeständen hin zu Apellen zur Durchführung natürlicher, gruppen- bis horstweiser Verjüngung von Mischbeständen nieder.

Der marschierende Fichtenwald – Wald bezogene Ideologie des Nationalsozialismus

Im »Dritten Reich« wurde der deutsche Wald sehr stark mit nationalsozialistischer Ideologie aufgeladen. Dabei hob man auf die Gleichsetzung der biologischen Ordnung des Waldes mit der sozialen Ordnung des deutschen Volkes ab. Dies wird in der von Franz Heske am 12. Juli 1933 vor der Tharandter Studentenschaft gehaltenen Erstsemesterveranstaltung sehr deutlich. In dieser Rede werden beispielsweise Waldbau- und Durchforstungsmodelle in Bezug zu Eugenetik und Volkshygiene gesetzt; der waffengewohnte Jäger wird gleichsam zum natürlichen Bruder des Soldaten. Der Kulturfilm »Ewiger Wald«, der von der 1934 gegründeten »Nationalsozialistischen Kulturgemeinde (NSKG)« als eines der ersten Filmprojekte in Auftrag gegeben wurde, stellt zugleich die längste »Großfilmproduktion« des Nationalsozialismus dar.

In knapp 70 Minuten wird die gesamte deutsche Geschichte und Kultur anhand des Waldes gespiegelt bzw. visualisiert. Die unzertrennliche Einheit von Wald und Volk wird zu Beginn des Filmes mit theatralischer Musikuntermalung und emotional getragenem Prolog hervorbeschworen: »Ewiger Wald – Ewiges Volk. Es lebt der Baum wie du und ich, er strebt zum Raum wie du und ich. Sein ›Stirb und Werde‹ webt die Zeit, Volk steht wie Wald in Ewigkeit«.

In diesem Film wird der Baumart Fichte eine besondere Rolle zuteil. In hintereinandergeschalteten Filmsequenzen lösen sich die in »Reih und Glied« gepflanzten Fichtenreinbestände mittels einer geschickten Überblendtechnik in marschierende deutsche Soldaten auf. Diese Szene weist indirekt auf die Varusschlacht im Teutoburger Wald hin, in der der Germane nur mit Hilfe des mit ihm verbündeten Waldes die militärisch übermächtigen römischen Legionen besiegen konnte. Eine weitere, im Schützengraben gedrehte Weihnachtsszene mit einem geschmückten Fichtenweihnachtsbaum symbolisiert die enge kulturelle Verbundenheit des deutschen Christentums mit dem Wald.

Der Schwarzwald – Topos der idealisierten Landschaft der Nachkriegszeit

Im Nachkriegsdeutschland der späten 1940er und 1950er Jahre wurden die nationalsozialistischen Projektionen auf den deutschen Wald weitgehend ausgeblendet. Der Wald wurde geradezu zu einem Ort, an dem eine vom Krieg unbelastete Gegenwelt zu den zerstörten deutschen Städten zu existieren schien. Für den Großteil der Deutschen war es weniger bedeutend, wie diese Wälder bezüglich Baumarten bestockt waren.

Vielmehr spielte der Wald als räumlich nah gelegenes »Rückzugsgebiet« zur Erholung, Kontemplation und zur Freizeitgestaltung eine entscheidende Rolle. Mit »Schwarzwaldmädel« (1950), dem ersten Farbfilm der Bundesrepublik Deutschland, wurde die Schwarzwaldlandschaft mit den vermeintlichen »Tannenwäldern « (Fichtenreinbestände) zum Inbegriff deutscher Heimat.

Die erste Farbfilmproduktion der DDR greift mit der Verfilmung von Wilhelm Hauffs Märchen »Das kalte Herz« (1950) ebenfalls den Schwarzwald auf, wenn auch als negatives Beispiel für den westlichen Kapitalismus. Die Dreharbeiten fanden vorwiegend in Fichtenreinbeständen des Thüringer Waldes statt. Mit diesen beiden Kinofilmen wurden bei vielen West- und Ostdeutschen die deutsche Waldlandschaft mit Fichtenreinbeständen assoziiert.

Die westdeutsche Waldbewirtschaftung bzw. Holzproduktion hatte sich während des »deutschen Wirtschaftswunders« hohen Herausforderungen zu stellen. Zum einen war ein stark auf Nadelholz ausgerichteter Bauholzmarkt zum Wiederaufbau und Ausbau Deutschlands zu bedienen, zum anderen waren flächig durchgeführte Reparationshiebe aufzuforsten. Aufgrund der hohen Nadelholznachfrage und des mangelnden Angebots von Laubholzsaatgut wurde die Fichte nicht nur zur dominanten Baumart bei Kulturbegründungen, sondern sicherte den Bestand vieler kahl geschlagener Waldflächen.

Wie hoch die Fichte in den 1970er im »waldbaulichen Erfolgskurs« stand, zeigen umfangreiche wissenschaftliche Publikationen, wie z. B. die mehrbändige Buchreihe »Die Fichte « des Freiburger Waldbauers und Universitätsprofessors Helmut Schmidt-Vogt.

Die Fichte stribt – das Waldsterben

In den 1980er Jahren wurde die Wahrnehmung von Wald und Umwelt in Deutschland wesentlich durch das »Waldsterben« geprägt. Da man dieses Phänomen im Wesentlichen der hohen Umweltverschmutzung zuschrieb, wurden sterbende Fichtenwälder nicht nur in Wissenschaft und Forschung thematisiert, sondern durch unterschiedliche mediale Vermittlung öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt.

TV-Dokumentationen mit apokalyptisch wirkenden Szenarien der künftigen deutschen Waldentwicklung, endzeitlich anmutende Berichterstattungen in renommierten Zeitschriften, Magazinen und anderen Printmedien diffundierten durch alle Gesellschaftsschichten. Diese gesellschaftsumfassenden Umweltdebatten, die anfangs lediglich (industrie-) politische und gesellschaftliche Auswirkungen zeigten, hinterfragten und kritisierten zunehmend waldbauliche Strategien vorangegangener Dekaden.

Diskussionen um die richtige Baumartenwahl spalteten Forstwirtschaft und -wissenschaft. Insbesondere die Fichte polarisierte: Für die einen war sie weiterhin der »Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft«, für die anderen der Inbegriff naturferner »Monokulturen «. Naturnahe Mischwälder mit hohem Laubholzanteil wurden bezüglich ökologischem Wert und besserer abiotischer und biotischer Stabilität höher bewertet und aus diesen Gründen von Naturschutzverbänden und forstlichen Interessensverbänden (z. B. Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft) propagiert und eingefordert.

Die Baumart Fichte, die sich im 18. und 19. Jahrhundert durch Saat und Pflanzung für den Wiederaufbau stark devastierter deutscher Waldflächen bewährt hatte, wurde zumindest in ihrem Vorkommen als Reinstand bei zahlreichen umwelt- und waldbezogenen Institutionen zu der am meisten kritisierten einheimischen Baumart in Deutschland.

Der Baum des Jahres 2017 und dessen Zukunft

Aufgrund des ungünstigen Anpassungspotenzials an kommende klimatische Veränderungen gilt die Fichte in den gegenwärtigen Wäldern Deutschlands als eine der gefährdetsten einheimischen Baumarten. Sie ist bezüglich Nährstoffversorgung sehr anspruchslos, benötigt jedoch ausreichende Niederschläge.

Die Fichte ist bei länger anhaltender Trockenheit äußerst krankheitsanfällig; bei gut wasserversorgten Standorten hingegen sehr vital. Um auch in Zukunft die einheimische Baumartenvielfalt zu erhalten, ist es vordringliche Aufgabe der Forstwirtschaft, zum einen ungeeignete Standorte für Fichte zu erkennen und rechtzeitig mit klimaresistenten Baumarten anzureichern, zum anderen die Fichte auf geeigneten Standorten zu erhalten.

In seinen Ausführungen zum Baum des Jahres 2017 bringt Silvius Wodarz diesen Sachverhalt auf den Punkt: »Die Fichte hat eine Zukunft in Deutschland – auch in Zeiten des Klimawandels. Es bedarf jedoch etwas Sachverstandes, um sie heute sinnvoll in den Wald zu integrieren«. Dem hinzuzufügen wäre, dass auch die Fichte – wie andere einheimische Baumarten in Deutschland – neben ihrer ökonomischen und ökologischen Dimension einen sehr hohen soziokulturellen Wert besitzt, der den Schutz und Erhalt dieser Baumart auf geeigneten Standorten auch in Zukunft in hohem Maße rechtfertigt.

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Autor

  • Uwe Eduard Schmidt