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Naturwaldreservate - Freilandlaboratorien zur Erforschung von Wald im Klimawandel
"Urwälder von morgen" - Naturwaldreservate im Jahr der Biodiversität 2010
Die ersten Ansätze der Naturwaldreservate in Bayern reichen bis in die Zeit der Jahrhundertwende zurück. Offiziell wurden Naturwaldreservate im bayerischen Staatswald vor über 30 Jahren mit Bekanntmachung vom 20.02.1978 eingerichtet. Zum 10.08.1982 wurden die Naturwaldreservate in das Waldgesetz für Bayern (BayWaldG) aufgenommen. Die Naturwaldreservate wurden damit zu einer eigenständigen Schutzgebietskategorie aufgewertet. Heute verfügt Bayern über 156 Naturwaldreservate mit rund 6.800 ha - ein flächendeckendes Netz dieser Waldschutzgebiete, sowohl in Staatwald als auch in Privat- und Kommunalwald.
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Naturwaldreservate sichern Biodiversität: Der Ästige Stachelbart (Hericium coralloides)wächst auf totem Laubholz. (Foto G. Brehm) |
Ziel der Naturwaldreservate ist, möglichst alle in Bayern vorkommenden natürlichen Waldgesellschaften und ihre Standorte zu repräsentieren, um deren natürliche Entwicklung zu erforschen und Erkenntnisse und Strategien für die naturnahe Forstwirtschaft im Zeichen des Klimawandels zu gewinnen. Hierfür sind Naturwaldreservate hervorragende Freilandlaboratorien: Wie sonst nirgends lassen sich in NWR die Einflüsse des Klimawandels auf die natürlichen Konkurrenzverhältnisse zwischen den Baumarten beobachten.
Entwicklung der Naturwaldreservate
Das Waldgesetz für Bayern (BayWaldG) sieht in Art. 12a die Einrichtung der Naturwaldreservate in natürlichen oder weitgehend naturnahen Waldflächen vor. Ihre Einrichtung ist gemäß Art. 28 Abs. 2 Nr. 2 BayWaldG Aufgabe der Forstbehörden. Diese haben Naturwaldreservate im Bayerischen Staatswald seit 1978 und im Körperschaftswald seit 1999 ausgewiesen. Im Privatwald können sie seit dem Jahr 2005 eingerichtet werden.
Bereits seit 1914 wurden "Schongebiete" im bayerischen Staatswald ausgewiesen und aus der forstlichen Nutzung genommen. So zum Beispiel das "Höllbachgespreng" am Osthang des Großen Falkenstein. Im Jahr 1978 wurden im bayerischen Staatswald 134 Naturwaldreservate offiziell ausgewiesen. Darunter waren auch zahlreiche alte Naturschutzgebiete in denen die Waldentwicklung schon länger ungestört abgelaufen war.
Im Juli 1999 wurde im Gemeindewald Schwebheim (Lkr. Schweinfurt) das erste der kommunalen Naturwaldreservate eingerichtet. Es folgten im Dezember 1999 das gemeinsame Körperschafts-/Staatswald-Naturwaldreservat Waldkugel im Guttenberger Wald und 2004 das kommunale Naturwaldreservat Jachtal der Stadt Bad Windsheim. Neuausweisungen im Staatswald waren 2002 das Naturwaldreservat Mittelberg bei Beilngries, 2003 das Naturwaldreservat Eichhall im Hochspessart und 2009 das Naturwaldreservat Gaulkopf, ebenfalls im Spessart. Im Juni 2009 wurde mit dem Naturwaldreservat Kaisersberg im Landkreis Altötting das erste bayerische Naturwaldreservat im Privatwald eingerichtet.
Derzeit gibt es in Bayern 156 Naturwaldreservat mit einer Fläche von rund 6800 ha, in denen keine forstliche Nutzung mehr stattfindet (wie sonst nur in den Nationalparken "Bayerischer Wald" und "Berchtesgaden"). Die durchschnittliche Größe der Naturwaldreservate beträgt 44 ha.
Ziel der Naturwaldreservate
Naturwaldreservate sollen möglichst alle in Bayern vorkommenden natürlichen Waldgesellschaften und ihre Standorte repräsentieren, also sowohl seltene Waldtypen oder Wald auf Extremstandorten als auch flächig verbreitete naturnahe Wälder auf mittleren und guten Standorten. Sonderstandorte (Moore, Steilhänge, Schluchtwälder) sind ausreichend repräsentiert (59 Naturwaldreservate, 40%). Bei den großflächig vorkommenden Waldstandorten sind dagegen noch einige Lücken vorhanden (z.B. große Buchenreservate im Fichtelgebirge, in der Nördliche Frankenalb und in der Oberbayerischen Alt- und Jungmoräne). Bei einer systematischen Überprüfung aller Naturwaldreservate seit 1990 konnten einige Lücken wie z.B. im Steigerwald oder Spessart geschlossen werden.
Betreuung der Naturwaldreservate durch die LWF
Die langfristige Betreuung der Naturwaldreservate ist der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) übertragen. Sie koordiniert die wissenschaftlichen Arbeiten und führt eigene Forschungen durch, veröffentlicht Forschungsergebnisse und unterstützt die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten wie auch das Unternehmen Bayerischen Staatsforsten AöR bei der Öffentlichkeitsarbeit. Im Arbeitskreis Naturwaldreservate der LWF wie auch auf Bundesebene tauschen sich die in den Naturwaldreservaten aktiven Forscher regelmäßig aus.
Forschung in den Naturwaldreservaten
Der Beginn der Forschung in Naturwaldreservaten in Bayern fällt in die Jahre 1986 bis 1994. In diesem Zeitraum wurde unter der Federführung des damaligen Lehrstuhls für Landnutzungsplanung und Naturschutz der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians Universität München in Freising-Weihenstephan ein Methodenkonzept zur Aufnahme entwickelt, ein Dokumentations- und Auswertungssystem entworfen und erste Vergleiche zwischen Naturwaldreservaten und Wirtschaftswäldern durchgeführt.
Die jahrzehntelange Naturwaldreservatsbetreuung hat wertvolle Erkenntnisse und Grundlagen über die Lebewelt, Waldstrukturen, Wachstumsverläufe, aber auch bzgl. Methodenstandards und Logistik erbracht:
- Notwendigkeit, sorgfältig auf den vorliegenden Erhebungen und Zeitreihen aufzubauen
- Notwendigkeit einer konsequenten Doppelstrategie (Wertigkeit von Zeitreihen als Daueraufgaben; anlass- und zielorientierte, zeitlich befristete Forschungsprojekte)
- Schnittstellen und Synergien mit anderen Daueraufgaben und Forschungsprojekten (z.B. Klimaprogramm 2020, forstliches Umweltmonitoring, Natura2000Monitoring)
- herausragende Bedeutung des Wissenstransfers in Wissenschaft und Praxis
Ein über die Landesfläche verteiltes repräsentatives Netz aus Naturwaldreservaten liefert die Möglichkeit, die Entwicklung der Waldstrukturen, ihrer Tier- und Pflanzenwelt in den verschiedenen natürlichen Waldgesellschaften bzw. -lebensraumtypen in allen Wuchsbezirken und Höhenstufen Bayerns über die Zeit hinweg als nutzungsfreie Referenzzustände zu beobachten.
Für Naturwaldreservate bestehen v.a. folgende Forschungsziele- und fragen:
- Wie verändern sich Konkurrenzverhältnisse, Vitalität, Mortalität und Regenerationsfähigkeit der Baumarten unter unbewirtschafteten Verhältnissen und unter weitgehendem Ausschluss von Schalenwild-Verbiss angesichts globaler Umweltveränderungen, insbesondere im Hinblick auf Wärme, Feuchte und Stickstoff?
- Welche Erkenntnisse ergeben sich aus der Beobachtung natürlicher Prozesse als Orientierung für eine nachhaltige, naturnahe Waldbewirtschaftung?
- Welche Konsequenzen haben die Standortsveränderungen für die Biologische Vielfalt bzw. für den Erhaltungszustand der FFH-Waldlebensraumtypen?
- Welche zusätzlichen Daten und Zeitreihen müssen in einem auswertbaren Zustand vorgehalten werden, um auch künftigen Fragestellungen gerecht zu werden?
Seit 1994 obliegt die Forschung in Naturwaldreservaten im Wesentlichen der LWF. Die folgende Zusammenstellung gibt einen Überblick über Projekte, die in diesem Zeitraum neben dem laufenden Monitoring bearbeitet wurden:
- Entwicklung einer Methodik für eine umfassende Zustandserhebung für ausgewählte Naturwaldreservate
- Entwicklung eines vernetzten Auswertungssystems und Dokumentation der wissenschaftlichen Ergebnisse aus der umfassenden Zustandserhebung für Naturwaldreservate
- Malakologische Untersuchungen der Naturwaldreservate
- Mykologische Untersuchungen der Naturwaldreservate
- Entwicklung und Erprobung eines Praxisverfahrens für vergleichende Inventuren Naturwaldreservate - Wirtschaftswälder
- Untersuchungen zur Bedeutung der Wirtschaftswälder für den Naturschutz
- Boden- und vegetationskundliche Erfassung und Vergleich von 5 bayerischen Naturwaldreservaten mit Kiefernbeständen auf armen Standorten zur Frage der Natürlichkeit oder anthropogen bedingten Ausprägung als Flechten-Kiefernwälder
- Waldökologische Erfassung und Vergleich der Naturwaldreservate im Wuchsgebiet Rhön
- Waldökologischer Vergleich der Naturwaldreservate im Wuchsgebiet Oberpfälzer Wald
- Strukturveränderungen und Sukzessionsentwicklung der Naturwaldreservate nach Borkenkäferbefall
- Untersuchungen zur Bedeutung der Wirtschaftswälder für den Naturschutz: Anlage und Aufbau einer waldökologischen Datenbank
- Vergleichende waldökologische Untersuchungen in Naturwaldreservaten und in Wirtschaftswäldern unterschiedlicher Naturnähe (unter Einbeziehung der Douglasie)
- Untersuchungen über das Vorkommen waldtypischer Tierarten im Vergleich zwischen Wirtschaftwäldern und Naturwäldern
- Waldökologischer Vergleich von Mittelwäldern und Eichenmischwäldern
- Auwälder - Untersuchungen zur Biodiversität von Waldökosystemen im Einflussbereich der Auendynamik
- Untersuchungen zur Artenvielfalt in Tannenwäldern
- Strukturen mit besonderer ökologischer Wertigkeit und ihre Erfassung über Inventuren in Buchen(misch)wäldern
Weiterführende Informationen über Naturwaldreservate
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