Natürliche Fichtenwälder im Klimawandel Seitenanfang : weiter zum Inhalt|
weiter zur Themennavigation|
LWF - Logo mit Link zu Startseite| Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten |
Wappen mit Link auf die Startseite des StMELF|
Kopfnavigation: weiter zur Position im Verzeichnisbaum|
Position im Verzeichnisbaum: weiter zum Inhalt|
StMELFLWFWaldökologieNaturschutz → Natürliche Fichten-Wälder im Klimawandel
Inhalt: zurück zum Seitenanfang|

Natürliche Fichtenwälder im Klimawandel - Hochgradig gefährdete Ökosysteme

Stefan Müller-Kroehling, Helge Walentowski, Heinz Bußler und Christian Kölling

Natürliche Fichten-Wälder sind in Deutschland ein seltener und gefährdete Waldtyp

Natürliche Fichten-Wälder sind in Deutschland außerhalb des Hochgebirges ein seltener, auf Höhenlagen oberhalb der Buchenstufe und kleinflächige Sonderstandorte wie z.B. hohlraumreiche Block-Ansammlungen mit Kaltluftströmen oder lokalklimatisch kühlfeuchte, spätfrostgefährdete Moorwälder beschränkter Nadelwald.

Fichten-Wald Natürlicher Fichtenwald: Waldregeneration im Hochlagenfichtenwald nach Borkenkäfermassenvermehrung im Nationalpark Bayerischer Wald (Foto: C. Kölling)

Auf derartigen, zur Anhäufung von organischem Material tendierenden Standorten ist die Konkurrenzkraft von Tanne und Buche gegenüber der Fichte stark eingeschränkt. Natürliche Waldvorkommen der Fichte verfügen über eine charakteristische Flora und Fauna aus boreo-montan und alpin verbreiteten Arten, deren Vorkommen sie von Beständen aus Fichte in der Buchenstufe abhebt. Im Klimawandel gerät der Waldlebensraum Fichtenwald zunehmend unter Druck, wie Modellrechnungen zeigen. Diesen Prozess beschleunigen auf erheblicher Fläche noch massive Borkenkäfer-Kalamitäten, die von Fichten-Forsten auch auf natürliche Fichten-Wälder übergreifen.

Die Fichte nimmt in Deutschland riesige Flächen ein. Selbst dort, wo sie von Natur aus weder als Baumart noch als Bestandsbildnerin vorkommt, ist die Fichte oftmals heute die führende Baumart. Der Umbau dieser häufig aus fast reiner Fichte bestehenden Bestände in naturnähere Wälder ist wohl die zentrale Aufgabe des Waldbaus in Zeiten des Klimawandels. Angesichts der Omnipräsenz der Fichte wird jedoch gelegentlich übersehen, dass natürliche Fichten-Wälder in Deutschland im Vergleich zu den Fichten-Forsten eine relativ kleine Fläche einnehmen. Selbst viele Mittelgebirge wären von Natur aus frei von Fichte oder doch frei von natürlichen Fichtenwäldern. Diese sind ein bedeutungsvolles Schutzgut, um das es nicht zum Besten bestellt ist.

Diskussion und Schlussfolgerungen: Schutzstrategien für natürliche Fichten-Wälder

Auch wenn Absterben auf Grund von Borkenkäferbefall zur natürlichen Dynamik dieses Waldtyps gehört, können doch nicht automatisch alle Absterbeprozesse von Fichtenwäldern als natürliche Vorgänge bezeichnet werden. Fichtenwälder sind sensible Ökosysteme. Die Fichte hat im Konkurrenz- und Wirkungsgefüge des Ökosystems Wald ihre Schwächen. Als „dünnhäutige“ Baumart ist die Fichte eine „leichte Beute“ für verschiedene Borkenkäfer-Arten, die zu Massenvermehrungen neigen. Die Fichten-Gespinstblattwespe setzt ihr örtlich zu, ebenso Schneebruch und Hallimasch. Die Verjüngung der Fichte ist, anders als auch vielen Standorten im Flach- und Hügelland, trotz geringer Verbissgefährdung und Mäusefraßgefahr keineswegs ein Selbstläufer, denn gerade in ihrem natürlichen Areal ist die Fichte sehr stark auf die Rannenverjüngung angewiesen und verjüngt sich bei fehlendem liegendem Starktotholz oftmals praktisch gar nicht.

Erfolgskontrolle und Forschung

Der Schutz natürlicher Fichtenwälder ist ein Naturschutzthema, das stärker als bisher einer fachlichen Diskussion um die richtige Kombination aus Handlungsvarianten bedarf. Der prozentual in strengen Schutzgebietskategorien gesicherte Flächenanteil dieses Waldtyps ist schon deswegen kein fachlich geeignetes Maß für den Erfolg der Schutzbemühungen, da der Klimawandel und seine Folgen vor Schutzgebietsgrenzen nicht halt machen. Geeignetere Indikatoren wären beispielsweise das durchschnittliche Alter der Bestände, die Verbundsituation ihres Areals, das Vorhandensein aller prägenden Standortsbedingungen und Habitatrequisiten, das Vorkommen der charakteristischen Arten aus Fauna und Flora und auch die Prognose im Klimawandel. Die charakteristischen Arten zeigen als „Bioindikatoren“ stellvertretend für die ganze Artengemeinschaft alle genannten Faktoren auf. Die LWF erforscht im Rahmen eines Projektes zusammen mit der TU München derzeit die Auswirkungen des Klimawandels auf die Waldlebensgemeinschaften anhand eines Höhengradienten im Bayerischen Wald, in den auch subalpine Fichtenwälder einbezogen sind.

Summary

Outside of the Alps, natural occurrences of spruce forests are rare in Germany. They are limited to harsh and cold areas at high elevations (with snowy winters, coolhumid summers and mean annual temperatures of 4°C or less) or to azonal sites (e.g., e.g. scree slopes and frost hollows that are favorable to the formation of cold air masses or bog-woodlands characterized by cold and damp microclimate with late frosts), where organic material has accumulated and beech and fir are strongly disadvantaged. Natural occurrences of spruce forests feature a characteristic relict fauna and flora of boreo-montane and alpine species that differs clearly from anthropogenic spruce forests. Computer climate models suggest that spruce forest ecosystems in Central Europe will be under increasing pressure from the consequences of global warming. This process will be accelerated by massive bark beetle infestations encroaching from widely planted commercial conifer forests into natural spruce forests. In the cultiva ted landscape of Germany, spruce was largely brought to dominance for economic purposes, mostly outside of its natural range (as a so-called apophyte). The transformation from unstable spruce stands and monocultures to siteadapted and natural mixed forests is a crucial task for today’s sylviculture. Considering the omnipresence of apophytic spruce, it should be kept in mind that natural spruce forests within the temperate deciduous forest region would naturally be restricted to small areas near the alpine timberline. Without human inference all uplands outside the hercynian mountain ranges, the prealpine foothills and the Alps would be free of spruce and spruce forests. In the face of climatic change, maintaining the biodiversity of relict spruce forests in Central Europe is a challenging task.

Autoren

  • Stefan Müller-Kroehling
    Sachbearbeiter im Sachgebiet Naturschutz, Fachbereich: Natur- und Artenschutz, Natura 2000 Grundsatzfragen und Koordination, Waldökologie
  • Helge Walentowski
    Leiter des Sachgebiets Naturschutz an der LWF, Fachbereich: Natura 2000, Vegetationskunde
  • Heinz Bußler
    Mitarbeiter im Sachgebiet Naturschutz, Fachbereich: Entomologische Artenbestimmungen, Spezialfragen xylobionte Käfer
  • Christian Kölling
    Leiter des Sachgebiets Standort und Bodenschutz an der LWF, Fachbereich Standortskunde, Baumartenwahl, Wälder im Klimawandel