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Wald und Forstwirtschaft im Klimawandel: Die »20 Freisinger Punkte«
Kurt Amereller, Christian Kölling, Andreas Bolte, Dirk-Roger Eisenhauer, Joachim Groß, Marc Hanewinkel, Ingolf Profft und Peter Röhe
Thema Klimawandel - gemeinsame Basis der deutschsprachigen forstlichen Ressortforschung
Der Klimawandel mit seinen Auswirkungen auf den Wald ist zweifellos eine der größten Herausforderungen unserer Tage für die Forstwirtschaft in Deutschland. Die angewandte forstliche Forschung sieht die Klimaerwärmung deshalb übereinstimmend als zentrales Aufgabenfeld der nächsten Jahre an. Zuletzt schienen Akteure der Klimaforschung mit Fokus Wald und Frostwirtschaft allerdings eher darauf bedacht, statt bestehender Gemeinsamkeiten bzgl. Klimawandel ihre fachlichen Auffassungsunterschiede zur klimaerwärmung zu betonen.
Angesichts der Dramatik des zu erwartenden Klimawandels ist aber eine abgestimmte und sogar arbeitsteilige Vorgehensweise dringend geboten. Auf Initiative der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft trafen sich im Oktober 2008 in Freising knapp 40 Klimaexperten der deutschsprachigen forstlichen Forschungs- und Versuchsanstalten zu einem Workshop. Ein gemeinsames Papier, die "20 Freisinger Punkte" formuliert eine abgestimmte Haltung zur Klimaerwärmung und Handlungsbedarf in Wald und Forstwirtschaft.
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Klimawandel und seine Auswirkungen auf den Wald: Hanfpalmen im Tessin. (Foto: G.-R. Walther) |
Wald und Waldbesitzer zählen zu den Hauptbetroffenen des Klimawandels. Auf die Forstwirtschaft kommt voraussichtlich die Notwendigkeit von tiefgreifenden Anpassungsmaßnahmen zu, ohne dass deshalb Schäden durch die Klimawerwärmung am Wald und Waldvermögen ganz zu vermeiden sein werden. Allerdings unterscheiden sich länderweise die Einschätzungen der kommenden Entwicklungen, der Anfälligkeit der verschiedenen Waldt-Tpen und Baumarten sowie die Anpassungsnotwendigkeiten und -strategien der Forstwirtschaft hinsichtlich des Klimawandels.
Diese Unterschiede erschweren die politische Argumentation und die Kommunikation mit den Waldbesitzern. Eine abgestimmte Grundeinschätzung zu Klimawandel und Klimaerwärmung unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten von Wald und Forstwirtschaft ist daher nicht nur nützlich, sondern unerlässlich.
Dies veranlasste die Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Forst (Forstchefkonferenz FCK), die Forschungs- und Versuchsanstalten des Bundes und der Länder zu beauftragen, die Übereinstimmungen und Unterschiede bei der Einschätzung der Anpassungsnotwendigkeiten und -strategien im Hinblick auf den Klimawandel darzustellen. Der Bund wurde um Federführung gebeten. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) beauftragte das Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI), die Aktivitäten rund um Wald, Forstwirtschaft und Klimawandel zu koordinieren.
Mit den 20 Freisinger Punkten ist die Diskussion der forstlichen Forschung über Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald, deren unterschiedliche Anfälligkeit sowie Anpassungsmaßnahmen der Forstwirtschaft auf den Klimaerwärmung in eine öffentliche Selbstverpflichtung der forstlichen Ressortforschung zu vorurteilsfreier und zielgerichteter Zusammenarbeit gemündet.
Über allem steht das gemeinsame Ziel, dem Klimawandel zu begegnen. Ebenso wichtig wie das erarbeitete Dokument für den Wald ist der in Gang gesetzte Prozess: Der Klimawandel-Workshop in Freising hat eine hohe Bereitschaft der Beteiligten zu Kooperation und Sachbezogenheit an den Tag gebracht, die für manche selbst überraschend war. Übereinstimmend wurden der Wunsch und die Notwendigkeit geäußert, Folgetreffen mit dem Thema Forstwirtschaft im Klimawandel anzuberaumen. Bei diesen werden fachlich abgegrenzte Expertenrunden intensiver in die Bearbeitung von Teilfragen zur Klimaerwärmung eintreten. Den Zielen, Grenzen abzubauen, sich gegenseitig über Forschungsvorhaben zu informieren, die Zusammenarbeit zu fördern, Forschungsanstrengungen gezielt zu bündeln und Forschungsmittel effektiv einzusetzen, ist die forstliche Ressortforschung damit ein gutes Stück näher gekommen
Wald und Forstwirtschaft im Klimawandel: die 20 Freisinger Punkte
| 1. Der Klimawandel ist eine Tatsache. Wald sind regional und lokal unterschiedlich vom Klimawandel betroffen. Die Forstwirtschaft muss sich anpassen. |
2. Die Anfälligkeit der heimischen Baumarten gegenüber Schadorganismen wird durch die Klimaerwärmung ansteigen. |
| 3. Großflächige monostrukturierte (Nadelbaum-)Bestände sind besonders gefährdet. |
4. Die Fichte ist an ihrer Wärme-Trockengrenze hoch anfällig, bezüglich der Anfälligkeit der Kiefer besteht ein wissenschaftlicher Dissens. |
| 5. Die Anbaufläche der Fichte in Deutschland wird im Zuge der Klimaerwärmung abnehmen. |
6. Zusammensetzung und Verbreitung der Wald-Gesellschaften werden sich verändern. Veränderungen der Konkurrenzbeziehungen und Interaktionen lassen sich jedoch nur begrenzt prognostizieren. |
| 7. Es besteht Bedarf an interdisziplinärem und überregionalem Wissens- und Erfahrungsaustausch zu den einzelnen Baumarten. |
8. Wir müssen Sicherheiten und Unsicherheiten der Klimaprojektionen und der Folgen des Klimawandels in allen gesellschaftlichen, forstlichen und politischen Bereichen kommunizieren. |
9. Politik, Gesellschaft und Wissenschaft müssen lernen, mit der Unsicherheit umzugehen. |
10. Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft tragen gemeinsame Verantwortung dafür, dass die Anpassungsfähigkeit der Wald-Ökosysteme und der Forstwirtschaft an den Klimawandel nicht überschritten wird. |
| 11. Risikominimierung und Schadensbewältigung im Wald werden in Zukunft noch mehr im Zentrum forstwirtschaftlichen Handelns stehen müssen. Standortkunde, Waldbau und der Waldschutz sind hierbei von besonderer Bedeutung. Dem erhöhten Forschungsbedarf in diesen Bereichen muss daher Rechnung getragen werden. |
12. Anpassung des Waldes braucht dynamisierte und hoch aufgelöste Flächeninformationen. |
| 13. Die Entwicklung von aussagekräftigen Risikoindikatoren (z. B. zum Wasserhaushalt) wird weiter voranschreiten. |
14. Die Emissionsszenarien und Klimaprojektionen (z. B. die globalen und regionalen Klimamodelle) werden sich permanent weiterentwickeln, damit wird auch der Grad der Unsicherheit der Aussagen zu den Auswirkungen der Klimaerwärmung abnehmen. |
| 15. Die verschiedenen Risiken aus dem Klimawandel müssen in Form von Gefährdungskarten (Vulnerabilität) dargestellt und kommuniziert werden. |
16. Veränderte Produktionsziele der Forstwirtschaft (z. B. Zieldurchmesser) können der Risikominimierung dienen. Die Wissenschaft muss der Praxis hierzu Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. |
| 17. Eine Anpassung von Wald an das künftige Klima erfordert die Ausschöpfung des genetischen Potentials heimischer Populationen sowie die gezielte Erweiterung des genetischen Spektrums mit klimaangepassten nicht heimischen Herkünften. |
18. Es besteht immer noch ein Wissensdefizit im Bezug auf Genausstattung und Anpassungspotenziale der Wälder. |
| 19. Untersuchungen zu Stresstoleranzen und Veränderungen der Wald-Gesellschaften sowie gezielte Experimente der Forstwirtschaft unter Extrembedingungen und -standorten können schnellen und effektiven Erkenntnisgewinn bringen. |
20. Dauerbeobachtung (= Monitoring) und Inventuren sind für eine langfristig wirksame Anpassungsstrategie unverzichtbar. Die Beobachtungsnetze müssen verstärkt und an die Herausforderungen des Klimawandels angepasst werden |
Autoren
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Kurt Amereller
Öffentlichkeitsbeauftragter der LWF und Leiter des Sachgebiets Wissenstransfer und Waldpädagogik
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Dr. Christian Kölling
Leiter des Sachgebiets Standort und Bodenschutz an der LWF
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Prof. Dr. Andreas Bolte
Johann Heinrich von Thünen-Institut
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Dr. Dirk Roger Eisenhauer
Staatsbetrieb Sachsenforst
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Joachim Groß
Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde
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Prof. Dr. Marc Hanewinkel
Institut für Forstökonomie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
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Ingolf Profft
Thüringer Landesanstalt für Wald, Jagd und Fischerei
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Dr. Peter Röhe
Landesforstverwaltung Mecklenburg-Vorpommern
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