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Mehr Misteln an der Kiefer - Ergebnis des Klimawandels?

Hannes Lemme

Misteln befallen zunehmend Laub- und Nadelbäume - sind sie bereits Vorboten des Klimawandels?

Im letzten Jahrzehnt häufen sich Beobachtungen des Mistelbefalls sowohl an Laub-Baumarten als auch an Nadelbäumen. Voraussetzung für einen Befall ist eine Schwächung ihrer Wirtspflanze, zum Beispiel der Kiefer. Daher müssen wir bei einem Anstieg der Sommertemperaturen und ­ vermehrten Trockenheitsereignissen mit einer weiteren Zunahme der Mistel an der Kiefer rechnen.

Mistel auf Kiefer Mistel (Viscum album) auf einer Wald-Kiefer (Foto: Kenraiz, wikipedia)

Wenn Samen der Mistel (Viscum album) auf den Zweigen ihrer Wirtspflanzen im Frühjahr zu keimen beginnen, verhält sich der Keimstengel (botanisch: Hypokotyl) auf den ersten Blick seltsam. Der Keimling streckt sich nicht dem Licht entgegen, sondern krümmt sich zur dunklen Wirtsrinde. Die Keimblätter fungieren als Haftscheibe, mit der sich die Mistel auf der Rinde ihres Wirtes festhält. Aus dieser Haftscheibe versucht dann ein Primärsenker, die Rinde des Wirtes zu durchwachsen und Anschluss an sein Kambium zu finden.
Ob sich ein Keimling erfolgreich etabliert hat, wird jedoch erst der weitere »Wettlauf« zwischen dem Dickenwachstum des Astes und dem Wachstum der Mistel zeigen. Mit dem weiteren Dickenwachstum des Astes wird der Primärsenker umschlossen. Sehr vitale Bäume mit einem starken Dickenwachstum können den Primärsenker überwallen. Die Mistel stirbt ab. Bei weniger vitalen Bäumen mit geringem Dickenwachstum kann der Baum die Mistel nicht überwallen.
Beispielsweise zeigen Untersuchungen zur Altersstruktur von Misteln auf Kiefern, dass sich unmittelbar nach den Trockenperioden Mitte der siebziger Jahre Misteln sehr erfolgreich auf Kiefernzweigen ansiedeln konnten. Mit der Zunahme der Vitalität der Kiefern Ende der siebziger Jahre nahm die Besiedelungsrate der Mistel ab.

Mit ihren grünen Blättern ist die Mistel ein Halbparasit. Die Photosynthese betreibt die Mistel selbst. Wasser als auch mineralische Nährsalze entnimmt sie vom Wirt, zum Beispiel der Kiefer. Die Mistel zapft die Wasserleitbahnen der Kiefer an. Gerade bei der Wasserentnahme vom Baum zeigt sich jedoch der Charakter ­dieser Beziehung. Die Kiefer ist ein Überlebenskünstler im Umgang mit Wasser. Ihre Nadeln sind mit dicken wasserundurchlässigen Wachsschichten überzogen. Bei Trockenheit kann die Kiefer sehr schnell ihre Stomata (Atemöffnungen der Nadeln) verschließen, über die die Pflanze Kohlendioxid aufnimmt, jedoch auch Wasser verdunstet. Dieser Verdunstungsschutz ermöglicht es der Kiefer, mit dem ihr zur Verfügung stehenden Wasser zu haushalten.

Der Anteil von mit Misteln besiedelten Kiefern in Bayern ist mit Ausnahmen einzelner Wald-Bestände und weniger Regionen niedrig. Der Mistelbefall in Bayern reicht bei weitem noch nicht an den Umfang heran, wie wir ihn aus den deutlich wärmeren und trockenen Kiefern-Gebieten im Wallis, im Oberrheingraben oder in der Rhein-Main Ebene, beispielsweise i hessischen Ried, kennen. Dort sind im Mittel 35 Prozent der über sechzigjährigen Kiefern mit Misteln besiedelt.
Mit der prognostizierten Zunahme der Winter- und Sommerwärme sowie Trockenheit wird die Befallsrate durch die Mistel voraussichtlich auch in den Kiefer-Gebieten Bayerns steigen. Die Mistel wird damit sowohl die Schwächung der Kiefer »anzeigen« als auch die Widerstandskraft der Kiefer gegen andere Stressfaktoren zusätzlich schwächen.

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