Fichtenaltholz mit Buchenvoranbau

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Daniel Müller
Sicherung der Schutzfunktionen durch nachhaltige Waldbewirtschaftung im Hochgebirge – LWF Wissen 82

Die Bayerischen Staatsforsten im Hochgebirge

Aufgrund ihrer Flächenausstattung tragen die Bayerischen Staatsforsten (BaySF) eine große Verantwortung für die Schutzwälder in den Bayerischen Alpen. Insgesamt werden etwa 808.000 ha Staatswaldflächen von den Bayerischen Staatsforsten betreut (BaySF 2016). Davon liegen etwa 196.000 ha bzw. 24 % im Wuchsgebiet 15 Bayerische Alpen einschließlich der Saalforsten (Abbildung 1).
Abb. 1: Karte des Bayerischen Staatswaldes

Karte des Alpenraums in Bayern mit farblichen Markierungen der Forstbetriebe der BaySF

Abb. 1: Karte des Bayerischen Staatswaldes im Wuchsgebiet 15 Bayerische Alpen einschließlich der in Österreich liegenden Flächen der Saalforsten. Die unterschiedlichen Farben zeigen die Flächen der einzelnen Forstbetriebe, die mit den jeweiligen Ortsnamen eingezeichnet sind. (Quelle: Neft 2015)

Von den BaySF-Hochgebirgsflächen sind etwa 159.000 ha Wald im Sinne des Bayerischen Waldgesetzes (Art. 2 BayWaldG). Davon sind zwei Drittel Schutzwald. Werden die etwa 14.000 ha Latschenflächen abgezogen, verbleiben etwa 143.000 ha Holzbodenfläche. Hiervon ist nach den aktuellen Forsteinrichtungen lediglich auf etwa einem Drittel Holznutzung vorgesehen. Etwa 66 % der Holzbodenfläche im Hochgebirge befindet sich mittel- bis langfristig in Hiebsruhe (Abbildung 2).
Die aktuelle Baumartenverteilung zeigt die Dominanz der Fichte mit einem Anteil von 60 %, gefolgt von der Buche mit 19 %. Das Edellaubholz (insbesondere Bergahorn und Esche) und die Tanne haben mit jeweils 7 % noch eine besondere Bedeutung (Abbildung 3). Betrachtet man die Verteilung der Anteile der Bergmischwald- Baumarten Fichte, Tanne und Buche an den einzelnen Altersklassen, so fällt auf, dass die natürlich mit etwa 20 % beteiligte Tanne historisch unterschiedlich stark gelitten hat.

In den über 141 Jahre alten Beständen ist die Tanne noch mit 12 % vertreten (Abbildung 4). In der Altersspanne zwischen 41 und 80 Jahren sinkt ihr Anteil auf unter 1 %! Im weiter gefassten Altersbereich von 21 bis 100 Jahren ist die Tanne mit 1 % an der Waldzusammensetzung beteiligt. Erst die um 1985 beginnenden Bemühungen, angepasste Schalenwildbestände zu schaffen, haben den Tannenanteil in den bis 20-jährigen Beständen wieder auf 6 % ansteigen lassen. Diese Erfolge sind angesichts der großen Bedeutung, die höhere Tannenanteile für den Schutzwald haben, jedoch noch unzureichend.
Die Baumartenanteile des Forstbetriebs Berchtesgaden im Hochgebirge sind denen des gesamten Staatswaldes im Hochgebirge ähnlich. Allerdings ist der Tannenanteil in den älteren Beständen Berchtesgadens aufgrund der Jahrhunderte dauernden Salinenwirtschaft sehr viel geringer, jedoch in der jüngsten Altersklasse aufgrund konsequenter Anpassung der Schalenwildbestände deutlich höher als im Durchschnitt des BaySF-Hochgebirges (BaySF 2008).
Aufteilung der Flächen als Ringdiagramm: 159.000 ha Wald, davon 106.000 ha Schutzwald, zudem 143.000 ha Holzboden, davon 92.000 ha Schutzwald. Dann Aufteilung in Holzboden mit mittelfristiger Hiebsplanung 48.000 ha (34%), Holzboden in Hiebsruhe mit 95.000 ha (66%), Latschenfelder 14.000 ha und Felsen, Moore, Almen, Schneisen, Gewässer mit 39.000 ha Fläche.

Abb. 2: Aufteilung der Flächen (Grafik: LWF)

Baumartenflächen je Altersklasse (1-9); geringere Anteile in Klasse 2 (<10.000 ha), Klasse 1, 3, 6, 7, 8 12.000 bis 13.000 ha und Klasse 9 über 40.000 ha; alle Klassen haben etwa 50% Anteil an Fichte

Abb. 3: Baumarten-
flächen (Grafik: LWF)

Baumartenanteile: 60% Fichte, 19% Buche, 7% Edel-Laubholz, 7% Tanne, 3% Lärche, 2% Kiefer, 2% sonstige Laubhölzer

Abb. 4: Baumarten-
anteile (Grafik: LWF)

Tannenverjüngung mit zwei Männern darin

Abb. 5: Tannennaturver-
jüngung (Foto: D. Müller)

Ziele und Grundsätze der Bergwaldbewirtschaftung bei den Bayerischen Staatsforsten

[i]Zielsetzung[/i] ist die Erhaltung und Schaffung möglichst klimatoleranter, standortgemäßer naturnaher und gemischter Wälder. Im Rahmen der »Tannenoffensive« soll der Anteil der klimatoleranten Zukunftsbaumart Weißtanne im Bergwald in den nächsten Jahrzehnten auf deutlich über 10 % gesteigert werden (Neumeyer, Neft und Faltl 2018).

Bei der Umsetzung der Ziele sind insbesondere nachfolgende [i]Grundsätze[/i] zu beachten (BaySF 2018):
  • Der Erhaltung und Verbesserung der Schutzfunktionen des Bergwaldes wird im Zweifel stets Vorrang vor allen anderen Anforderungen eingeräumt.
  • Die Bergwaldbewirtschaftung ist darauf ausgerichtet, die Waldböden in ihrer Leistungsfähigkeit, Produktionskraft und Schutzwirkung ungeschmälert zu erhalten oder zu verbessern. Vor allem auf flachgründigen Standorten liegt das Hauptaugenmerk auf dem Humus.
  • Den im Klimawandel steigenden Risiken für den Bergwald und seine vielfältigen Funktionen wird durch die Erhaltung und Schaffung vor allem standortgemäßer naturnaher Bergmischwälder (Abbildung 5) begegnet.
  • Durch regelmäßige moderate Eingriffe werden die Holzvorräte im Bergwald auf einem optimalen Niveau gehalten, sodass der angestrebte Strukturreichtum und eine laufende Verjüngung erreicht werden.
  • Im Bergwald wird dauerhaft zielgemäß gemischte Verjüngung auf möglichst großer Fläche angestrebt, um die Schutzfunktionen zu sichern und die waldbaulichen Ziele zu erreichen.
  • Die Bejagung von Rot-, Gams- und Rehwild im Bergwald stellt sicher, dass die natürliche Verjüngung standortgemäßer gemischter Altbestände sowie die Pflanzung oder Saat von Hauptbaumarten im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen möglich ist.

Allgemeine Herausforderungen

Die Umsetzung der vorgenannten Ziele, insbesondere die Schaffung möglichst klimatoleranter, standortgemäßer naturnaher und gemischter Wälder mit einem höheren Tannenanteil wird im Bergwald durch zahlreiche gesellschaftliche Ansprüche, die häufig miteinander konkurrieren oder sich sogar ausschließen, erschwert (Abbildung 6). Dabei haben anspruchsstellende Personen oder Gruppen häufig wenig Verständnis für die Belange der Gegenseite bzw. für die physikalischen und biologischen Rahmenbedingungen in der Natur.

Bedeutung der Humus-Nachhaltigkeit für den Hochwasserschutz

Im Januar 2007 verursachte der Orkan Kyrill etwa 300 ha Kahlflächen im Schutzwald des Forstbetriebs Berchtesgaden. Da meist unerschlossene Altbestände in einer Höhenlage von etwa 1.300 m bis 1.700 m über NN mit einem Vorrat von etwa 600 Efm/ha flächig geworfen bzw. gebrochen wurden, gab es kaum Verjüngungspflanzen auf den Kahlflächen. Diese Situation wurde im Lattengebirge für Forschungsvorhaben genutzt, um unter anderem den Stoffhaushalt auf frischen Kahlflächen zu untersuchen. Dabei rückte der Humus in den Fokus.
Die negativen Folgen eines raschen Humusabbaus auf Kahlflächen beschreiben Kohlpaintner und Göttlein (2009). Unter Sturmwurfflächen steigt das Nitrat im Sickerwasser mit zunehmender Mächtigkeit der Humusauflage deutlich an (Abbildung 7), während unter intaktem Wald – unabhängig von der Mächtigkeit der Humusauflage – nur sehr wenig Nitrat ins Sickerwasser gelangt.
Ein weiteres Forschungsprojekt (Göttlein, Katzensteiner und Rothe 2014) belegt die rasche Degradation der Humusauflage auf Kahlflächen. In den ersten Jahren nach Sturmwurf werden auf Kahlflächen – insbesondere auf Standorten mit Tangelhumus über Fels aber auch bei flachgründigem Humus über Fels – große Mengen des limitierenden Nährelements Kalium ausgewaschen.

Andere Forschungsarbeiten (Baier, Wilnhammer und Göttlein 2016) zeigen, dass die Nährstoffsituation in intakten Bergmischwäldern auch aufgrund der höheren Humusvorräte deutlich besser ist als in humusarmen Fichtenbeständen (Abbildung 8).
In einer früheren Arbeit (Wilnhammer, Baier und Göttlein 2011) wird deutlich, dass die Wasserspeicherkapazität in intakten Bergmischwäldern aufgrund der höheren Humusvorräte etwa doppelt so hoch ist als in humusarmen Fichtenbeständen (Abbildung 9).
All diese Erkenntnisse belegen die entscheidende Bedeutung der Humuspflege für die nachhaltige Sicherung der Schutzfunktionen im Bergwald, insbesondere für die Wasserspeicherung nach Starkregenereignissen. Vor dem Hintergrund der erwarteten Zunahme von Starkregenereignissen wäre es von Vorteil, wenn die Humusvorräte ansteigen. Das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein.

Der auf den meisten Bodendauerbeobachtungsflächen im bayerischen Alpenraum und auf den Untersuchungsflächen im Berchtesgadener Land festgestellte Rückgang der Humusvorräte scheint wesentlich mit der bisherigen Klimaerwärmung zusammenzuhängen (Prietzel und Christophel 2013). Mit weiter steigenden Temperaturen nimmt daher die Herausforderung einer Humus-Nachhaltigkeit zu.
Darstellung der gesellschaftlichen Ansprüche an den Bergwald: Klimawandel, Erholung, Nutzung, Schutz mit den jeweiligen Unterkategorien.

Abb. 6: Gesellschaftliche Ansprüche (Grafik: LWF)

Im intakten Wald ist die Nitratkonzentration bei einer Humusmächtigkeit bis 50 cm stets ähnlich, auf einer Strumfläche steigt der Nitratgehalt mit zunehmender Humusmächtigkeit

Abb. 7: Nitratkonzen-
tration (Grafik: LWF)

Kaliumvorräte in Bergmischwald und Fichtenreinbestand; Vorräte in Bergmischwald deulich höher als in der Fichte, wobei das Gros des Kaliums im Bestand zu finden ist, nicht etwa in der Bodenvegetation, dem Totholz, der Humusauflage oder dem Mineralboden.

Abb. 8: Kaliumvorräte (Grafik: LWF)

Wasserspeicherkapazität ist im intakten Bergmischwald bei etwa 150 Litern pro Quadratmeter, während im degradierten Fichtenbestand die Kapazität bei etwa 65 Litern pro Quadratmeter liegt.

Abb. 9: Wasserspeicher-
kapazität (Grafik: LWF)

Sicherung der Humus-Nachhaltigkeit als komplexe Herausforderung

Zur Sicherung optimaler Humusvorräte muss die Humusakkumulation gefördert und der Humusabbau vermieden werden. Entscheidend ist die Verjüngung, damit in den nachfolgenden Stadien viel Laub, Nadeln und Totholz verrotten und sich Humus anreichern kann. Bei angepassten Schalenwildbeständen können sich dort, wo entsprechende Samenbäume vorhanden sind, auch auf Standorten mit geringen Humusauflagen alle Baumarten des Bergmischwaldes einschließlich der besonders verbissempfindlichen Tanne natürlich verjüngen.

Parallel zur Entwicklung der Verjüngung kann sich innerhalb weniger Jahrzehnte der Humusvorrat wieder deutlich erhöhen (Prietzel und Ammer 2008). Im Fall von Kalamitäten verhindern vorhandene Verjüngungspflanzen, dass zu viel Wärme den ungeschützten Humus gefährdet. Zusammengefasst wurden hier die wesentlichen biologisch physikalischen Zusammenhänge. Entscheidend für den Erfolg sind aber die jagdlichen und jagdrechtlichen Rahmenbedingungen, die wiederum von der gesellschaftlichen Akzeptanz abhängen.
Erlaubt ein geringer Schalenwildverbiss die erfolgreiche Verjüngung aller Bergmischwald-Baumarten, müssen großflächig die Licht- und Wärmeverhältnisse hergestellt werden, die den Bedürfnissen der jungen Forstpflanzen entsprechen. Erfahrungen zeigen, dass sich die Verjüngung bei einem Holzvorrat von etwa 300 bis 400 Efm/ha am besten entwickelt.

Selbstverständlich muss zum Teil kleinflächig den individuellen Lichtansprüchen der einzelnen Baumarten Rechnung getragen werden. Die Begrenzung des Vorrats auf eine verjüngungsfreundliche Höhe bedarf der gesellschaftlichen Akzeptanz für das Fällen von Bäumen. Zudem ist eine gesellschaftliche Zustimmung für den Bau und den Unterhalt von Forststraßen im unerlässlichen Umfang notwendig.
Durch die vorbildliche Umsetzung der waldgesetzlichen Aufgaben und eine aktive Kommunikation versuchen die Bayerischen Staatsforsten, den Herausforderungen sich ständig verändernder gesellschaftlicher Ansprüche gerecht zu werden. Gelingt dies nicht, lassen sich keine intakten, klimatoleranten und stabilen Bergmischwälder mit ausreichend hohen Tannenanteilen schaffen und erhalten. Ohne eine ausreichende Akzeptanz in wesentlichen Teilen der Gesellschaft lassen sich weder Humus-Nachhaltigkeit noch die waldgesetzlich geforderten Schutz-, Nutz- und Erholungsfunktionen sichern.
Literatur
  • Baier, R.; Wilnhammer, M.; Göttlein, A. (2016): Ohne Humus geht´s bergab. LWF aktuell 111, S. 42–45
  • Bayerische Staatsforsten (2008): Forstbetrieb Berchtesgaden Bayerische Staatsforsten. Operat zum 1. Juli 2008, S. 19
  • Bayerische Staatsforsten (2016): Jahresbericht 2016. Der Jahresbericht für das Geschäftsjahr 2016 (1.7.2015–30.6.2016), S. 2
  • Bayerische Staatsforsten (2018): Grundsätze für die Waldbewirtschaftung im Hochgebirge. Waldbauhandbuch Bayerische Staatsforsten, S. 5–6
  • Göttlein, A.; Katzensteiner, K.; Rothe, A. (2014): Standortsicherung im Kalkalpin – SicALP. Forstliche Forschungsberichte München 212, S. 40–66
  • Kohlpaintner, M.; Göttlein, A. (2009): Mit dem Wald verschwindet der Humus. LWF aktuell 71, S. 22–24
  • Neft, R. (2015): Präsentation im Bayerischen Landtag. Expertenanhörung »Maßnahmen zum Schutz des Bergwaldes«, S. 4
  • Neumeyer, M.; Neft, R.; Faltl, W. (2018): Vorwort zu den Grundsätzen für die Waldbewirtschaftung im Hochgebirge. Waldbauhandbuch Bayerische Staatsforsten, S. 3–5
  • Prietzel, J.; Ammer, C. (2008): Montane Bergmischwälder der Bayerischen Kalkalpen: Reduktion der Schalenwilddichte steigert nicht nur den Verjüngungserfolg, sondern auch die Bodenfruchtbarkeit. Allg. Forst- und Jagdzeitung 179, S. 104–112
  • Prietzel, J.; Christophel, D. (2013): Humusschwund in Waldböden der Alpen – Die vermutliche Auswirkung des Klimawandels ist eine große Herausforderung für die nachhaltige Forstwirtschaft. LWF aktuell 97, S. 44–47
  • Wilnhammer, M.; Baier, R.; Göttlein, A. (2011): Standortsdegradation im Kalkalpin. AFZ – Der Wald 22, S. 13–15

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