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Forschungs- und Innovationsprojekt
Raum-Zeit-Verhalten des Schalenwildes unter Berücksichtigung der Anwesenheit des Wolfes und des Menschen im Veldensteiner Forst

Kamera ist in Holzkasten geschützt an einer Fichte angebracht.

Ende 2018 lebten in Deutschland bereits 73 bestätigte Rudel, 30 Wolfspaare und drei Einzelwölfe (DBBW 2019). Nicht zuletzt hat das günstige Nahrungsangebot diese Rückkehr und Populationsausbreitung ermöglicht. Heute treffen Wölfe in Mitteleuropa auf ein größeres Beuteangebot als je zuvor. Rehwild, Rotwild, Wildschweine und Damwild stellen ca. 90% ihres Beutespektrums dar (Wotschikowsky 2019).

Mit der Rückkehr des Wolfes steigt auch die Notwendigkeit, Wissen zu den Wechselwirkungen zwischen dem Räuber-Beute-Gefüge in Raum und Zeit und dem Einfluss des Menschen zu generieren.

Hintergrund

Direkte (Einfluss auf die Populationsgröße) und indirekte (Verhalten, Raumnutzung) Auswirkungen von Großprädatoren auf Beutetiere wurden bislang vor allem in Nordamerika untersucht (Ripple and Beschta 2005, Berger and Gese 2007, Hebblewhite and Smith 2010).

Die Ergebnisse einiger Studien, zum Beispiel aus dem Yellowstone Nationalpark, zeigten, dass Wölfe einen direkten Einfluss auf Schalenwildpopulationen haben, indem sie die Anzahl der Beutetiere reduzieren, was sich wiederum positiv auf die Entwicklung der Vegetation aufgrund einer geringeren Verbissbelastung auswirken kann (Ripple and Beschta 2004). Diese Forschungsergebnisse werden jedoch auch kontrovers diskutiert (Hebblewhite et al. 2005, Kauffman et al. 2007).

Während die steigende Wolfspopulation wahrscheinlich einen gewissen Einfluss auf die Anzahl und das Verhalten des Schalenwilds hatte, fanden gleichzeitig eine Reihe anderer Veränderungen in dem untersuchten System statt. Hierzu zählen die Veränderung des Klimas, ein verändertes Management der Schalenwildpopulationen und die zeitgleiche Rückkehr und Zunahme von Bären und Berglöwen. Die Einflüsse von Groβprädatoren auf Schalenwildarten und einhergehende Effekte auf die Vegetation stehen auch in Wechselwirkungen mit der Lebensraumproduktivität (Griffin et al. 2010). In produktiven Lebensräumen haben Prädatoren wahrscheinlich ein geringeres Potential Beutepopulationen zu kontrollieren (Melis et al. 2009).

Die Lebensraumnutzung von Beutetieren wird vor allem durch die Nahrungsverfügbarkeit und die Feindvermeidung bestimmt (Rettie and Messier 2000). Neben den potentiellen direkten Einflüssen des Wolfes auf die Beutepopulationen, kann die Anwesenheit von Groβprädatoren auch zu Verhaltensveränderungen bei den Beutetieren führen.

Zu den Reaktionen von Schalenwild auf die Anwesenheit von Beutegreifern zählen zum Beispiel:
  • Vermeidung von Gebieten in welchen sich Wölfe vermehrt aufhalten (Robinson and Merrill 2013);
  • Erhöhte Wachsamkeit in Bereichen welche vom Wolf bevorzugt werden;
  • Anstieg der Rudelgrößen um die Effizienz des Sicherns zu erhöhen und die Wahrscheinlichkeit des Einzeltiers gerissen zu werden zu senken (Creel and Winnie 2005).
Insgesamt hängt der Einfluss des Wolfes auf Beutepopulationen also stark von den jeweiligen Landschaftsgegebenheiten des Untersuchungsgebiets ab.

Gerade in einer Kulturlandschaft wie in Bayern, können menschliche Einflüsse Räuber-Beute-Beziehungen in vielerlei Hinsicht beeinflussen. Zum einen üben sie einen Einfluss auf die Populationsgröße und -struktur über die Jagdstrecke aus. Dabei ist hervorzuheben, dass sich die Selektivität von Jagenden und Wölfen sehr unterscheiden. Zum Beispiel, während Wölfe im Yellowstone Ökosystem überwiegend Jungtiere und alte Tiere rissen, bevorzugten Jäger eher Tiere der Jugendklasse und mittelalte Tiere (Wright et al. 2006).

Zum anderen konnte in diversen Studien gezeigt werden, dass Beutepopulationen auch vermehrt durch den Menschen geschaffene Strukturen nutzen, um sich vor Räubern zu schützen. So nutzen weibliche Elche mit ihren Kälbern Bereiche entlang stark befahrener Straßen um sich vor Bären zu schützen, welche diese Bereiche mieden (Berger 2007). Auch Muhly et al. (2011) stellten in Alberta, Kanada, mittels Fotofallen fest, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Räuber- und Beutearten gleichzeitig auftreten, stark von der menschlichen Präsenz abhängig ist. Je mehr Menschen in einem Gebiet vorkamen, desto höher war die Anwesenheit von Beutearten und desto niedriger die Anwesenheit von Prädatoren.

In anderen Studien konnte dagegen eine höhere Sensibilität von Schalenwild gegenüber der dem Menschen als der Präsenz großer Beutegreifer nachgewiesen werden (Ciuti et al. 2012) Es ist also essentiell die Rolle des menschlichen Einflusses zu berücksichtigen, wenn raum-zeitliche Raumnutzungsmuster von Räuber- und Beutetieren betrachtet werden sollen.

Für Bayern liegen bisher keine Daten zu den Auswirkungen der Anwesenheit des Wolfes auf Schalenwildpopulationen und deren Raum-Zeit-Verhalten vor. Weiterhin gibt es keine Erkenntnisse zum Auftreten des Wolfes an Wintergattern und Winterfütterungen. Da auch bei Präsenz des Wolfes das Schalenwildmanagement so ausgerichtet sein soll, dass eine Beeinträchtigung der ordnungsgemäßen land- und forstwirtschaftlichen Nutzung möglichst zu vermeiden sind (LBV 2019), sind jedoch solche Informationen ein wichtiger Bestandteil des zukünftigen Schalenwildmanagements.

Derzeit lebt das einzige reproduzierende Wolfsrudel in Bayern im Bereich des Veldensteiner Forst im Landkreis Bayreuth. Dieses etablierten Wolfsvorkommen bietet die erste Möglichkeit wissenschaftlich fundierte Daten zum komplexen Wirkgefüge zwischen wiederkehrenden Prädatoren, Schalenwild und menschlichen Einflüssen zu erfassen und mit neuesten statistischen Methoden praxisrelevant aufzuarbeiten um das Schalenwildmanagement unter diesen veränderten Bedingungen auf eine zukunftsfähige Basis zu stellen.

Projektziele

Junger Hirsch steht in einem Nadelwald und blickt in die Kamera.Zoombild vorhanden

Abb.: Aufnahme einer Wildkamera (Foto: LWF)

Um die Auswirkungen des Wolfsvorkommens auf die räumliche Verteilung des Schalenwilds im Veldensteiner Forst (Forstbetriebe Pegnitz und Schnaitenbach) erstmals wissenschaftlich zu erheben, ist in einem ersten Teilprojekt die Implementierung eines flächendeckenden Fotofallenmonitorings vorgesehen. Vor dem Hintergrund, dass ein Wolfsrudel wesentlich größere Streifgebiete als das derzeit angedachte Projektgebiet hat, sollen im Rahmen dieses ersten Teilprojekts Fragestellungen, welche sich vorranging mit den Auswirkungen des Wolfes auf das anwesende Schalenwild befassen, untersucht werden. Das Raumnutzungsverhalten des Wolfes kann dabei opportunistisch für einen Teil des Rudelterritoriums dokumentiert werden. Die Schalenwildarten stehen zudem nicht zuletzt auf Grund ihrer forstlichen Relevanz im Fokus der Untersuchungen.

Im Rahmen der Darstellung und der Analyse der Raumnutzung der vorkommenden Schalenwildarten (vorrangig Rotwild, aber auch Reh- und Schwarzwild) und der Wölfe soll die Hypothese, dass Räuber und Beutearten keiner Zufallsverteilung unterliegen, getestet werden. Ob eine Assoziation (gemeinsames Vorkommen) oder eine Disassoziation (getrenntes Vorkommen) vorliegt und wie sich diese Beziehungen zeitlich verändern, hängt wahrscheinlich von weiteren Faktoren, wie den Lebensraumbedingungen und menschlichen Einflüssen, ab.

In dieser Studie sollen folgende Teilfragestellungen betrachtet werden:

  • a. Wie verändert sich die relative Abundanz und die Lebensraumnutzung (Occupancy) der Schalenwildarten und des Wolfes im Jahresverlauf?
  • b. Welche Verhaltensänderungen sind bei den Schalenwildpopulationen zu beobachten? Werden bestimmte Bereiche gemieden, bzw. bevorzugt genutzt?
  • c. Wie verändert sich die Rudelgröße beim Rotwild im Projektgebiet?
  • d. Wie verändern sich die Aktivitätszeiträume im Tagesverlauf, vor allem auf Flächen mit erhöhter Wolfspräsenz?
  • e. Welchen Einfluss haben Lebensraumbedingungen, wie zum Beispiel die Distanz zu Straßen und Siedlungen, und menschliche Einflüsse, insbesondere Jagd und Naherholung (Gebietskulisse) auf das Raumnutzungsverhalten von Wolf und Schalenwild?
In Anlehnung an die möglichen Veränderungen der Raumnutzung können verschiedene Konzepte wie Bejagungszonen unterschiedlicher Intensität oder Wildruhezonen unter Einbezug des neuen potentiellen Einflussfaktors Wolf näher betrachtet und evaluiert werden.

Methodik und Vorgehensweise

Das Projekt wird von der Abteilung Biodiversität, Naturschutz, Jagd an der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft federführend durchgeführt. Um den Förderer über den laufenden Projektfortschritt zeitnah und regelmäßig zu informieren, wird vorgeschlagen, jeweils zum Jahresende umfassende Zwischenberichte vorzulegen sowie regelmäßig in Sitzungen der Beteiligten über den Projektfortschritt und dessen Ergebnisse zu berichten. Um eine zügige und intensive Information der Praxis zu gewährleisten, wird die jährliche Präsentation von Zwischenergebnissen im Forstbetrieb, sowie bei Fachtagungen vorgeschlagen. Die Kooperationspartner (BaySf, ggf. externe Experten) werden bilateral ständig auf dem aktuellen Projektstand gehalten.

Die Untersuchung des Raumnutzungsverhaltens von Wildarten stellt eine wichtige Information zum innovativen Wildtiermanagement dar. Die Raumnutzung von Wildtieren wird von einer Vielzahl von interagierenden Faktoren beeinflusst. In der Regel ist die Nahrung, welche in ausreichender Quantität und Qualität vorhanden sein muss, die wichtigste Einflussgröße. Weiterhin muss ein Wildtier zwischen Gefahren durch Prädatoren oder Parasiten und sozialer Interaktionen abwägen. Die Raumnutzung muss je nach Fragestellung differenziert auf verschiedenen räumlichen und zeitlichen Maßstäben betrachtet werden.
Auf der Ebene der Landschaft können beispielsweise Verteilungsmuster und deren Veränderungen im Jahresverlauf betrachtet werden. Auf einer kleineren Ebene, wie z.B. der Streifgebietsebene kann näher untersucht werden, wie sich die Nutzung von deckungsreichen gegenüber offenen Lebensräumen unterscheidet. Aus diesem Grund soll in dem vorliegenden Projekt eine multi-skalierte Raumnutzungsanalyse mittels Fotofallen durchgeführt werden. In einem späteren zweiten Untersuchungsansatz (Projektabschnitt 2) könnte bei entsprechender Projekterweiterung auch die verhaltensbiologische Ebene mit GPS Daten hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung betrachtet werden.
Fotofallen in der Wildtierforschung
Das Fotofallenmonitoring bietet eine Möglichkeit die räumlich-zeitliche Verteilung von Wildtieren zu erfassen ohne die Tiere dabei stark zu stören. Die meist verwendeten Kamerafallen nutzen als Auslöser einen passiven Infrarot-Sensor (PIR). Dieser misst die Lufttemperatur in seinem Sensorbereich. Wenn nun ein Tier den Bereich kreuzt, nimmt der Sensor diesen Temperaturunterschied war und die Kamera löst aus. In dem vorliegenden Projekt soll ein Fotofallenmonitoring in einem vorher festgelegten Stichprobenraster umgesetzt werden. Die Größe des Monitoringrasters sollte sich an den durchschnittlichen Streifgebietsgrößen der betreffenden Tierart orientieren (Rovero and Zimmermann 2016).

Das Versuchsdesign des vorliegenden Projekts soll sich primär am Raumnutzungsverhalten des Rotwilds orientieren. Halsbandsenderdaten, welche im Rahmen des Rotwildprojektes auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr gesammelt wurden, weisen auf eine durchschnittliche Kernstreifgebietsgröße von 75 ha hin (LOCoHo50; Meißner 2012). Um Veränderungen des Streifgebiets detektieren zu können, wird also eine Fotofalle je Kernstreifgebietsgröße in einem systematischen Aufnahmeraster ausgebracht (n = ca. 90 Stück). Um Wechselwirkungen zwischen Schalenwild und der Wolfspopulation einschätzen zu können, ist es notwendig, mindestens die saisonale Verbreitung der Wölfe in dem Untersuchungsgebiet zu erfassen. Hierfür kann es zielführend sein, weitere Fotofallen auf Forstwegen zu nutzen. Es sollen Fotofallen welche sich bereits im Bestand der LWF befinden (bis zu 60 Stück) zum Einsatz kommen.

Zusätzlich zu dem gröberen Raster von 75 ha sollen einige Fotofallen in Clustern aufgestellt werden. Hierzu werden ca. 15 der Rasterzellen ausgewählt und mit vier weiteren Fotofallen ausgestattet (eingebettetes Design). Das vom Forstbetrieb ausgearbeitete Jagdzonierungskonzept (Rotwildkonzept Veldensteiner Forst) soll so bei der Untersuchung berücksichtigt werden. Die intensiv erhobenen Stichprobenpunkte werden stratifiziert in allen vier Zonen (Ruhezone, Kernzone, Intervalljagdzone und reguläre Bejagungszone) verteilt. Dadurch kann überprüft werden, ob durch die Präsenz des Wolfes das Konzept weiterhin anwendbar ist, oder durch die Veränderungen in der Raumnutzung des Rotwilds neu ausgerichtet werden muss. Gleichzeitig können die Auswirkungen der unterschiedlichen Bejagungsregime in den verschiedenen Zonen auf die Raumnutzung oder die Tag/Nacht Aktivität der drei Schalenwildarten (Reh, Rotwild, und
Wildschwein) erhoben werden. Zehn weitere Kameras werden benötigt, um die Nutzung und das Verhalten an der vorhandenen Winterfütterung zu untersuchen.

Letztlich sollen zu den herkömmlichen Wildkameras auch 20 Zeitrafferkameras (Plotwatcher) an größeren Wildwiesen und Äsungsflächen angebracht werden. Zeitrafferkameras lösen in einem vorher definierten Intervall aus und sind somit nicht auf eine Auslösung durch ein Tier im Nahbereich der Kamera angewiesen. Die Kameras können Fotos über weitere Entfernungen und einen weiteren Winkel aufzunehmen als Fotofallen und ermöglichen so ein großflächiges Monitoring während des Tagesverlaufs (Aufnahmen in der Nacht nicht möglich). Damit lassen sich wichtige Informationen zur Tagaktivität des Wildes, zur Nutzung der Offenlandschaft sowie der Rudelgröße beim Rotwild gewinnen.
Projektinformation
Projektleitung: Dr. Wibke Peters
Projektbearbeiter: Hendrik Edelhoff
Kooperationspartner:
Laufzeit: Januar 2020 bis Juni 2023
Finanzierung: Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten
Förderkennzeichen: A/19/17